Mercedes-Benz, einer der größten Hersteller von Premium-Fahrzeugen, und NVIDIA, der weltweit führende Anbieter von „accelerated-computing“, beabsichtigen bei der Entwicklung eines fahrzeuginternen Computersystems sowie einer KI-Computing-Infrastruktur zu kooperieren. Ab 2024 soll die neue Technologie über alle Mercedes-Benz Baureihen eingeführt werden, um Fahrzeuge der nächsten Generation mit upgrade-fähigen, automatisierten Fahrfunktionen auszustatten.“, so in der aktuellen Pressemitteilung von Daimler.

Und Sascha Pallenberger, Head of Digital Transformation der Daimler AG, schreibt auf LinkedIn: “Drive AGX Orin ist im Vergleich ein ganzes Rechenzentrum & ich bin echt gluecklich ueber die weitere Zusammenarbeit mit NVIDIA! Mit den Kaliforniern haben wir einen Partner, den ich schon seit ueber 20 Jahren begleite & analysiere. Das ist auch der Grund, warum mich die Fortsetzung dieser “digitalen Ehe” so freut!

Damit hat er auch die Zeitverzögerung implizit genannt und die wahrlich kein Ruhmesblatt darstellt, denn man hätte schon, so die indirekte Botschaft, seit 20 Jahren mitmischen können: 20 Jahre und vor vier Jahren hat Pallenberger bereits auf das Potential der neuronalen Netzwerke von NVIDIA hingewiesen. Hinter der Nennung dieser an-sich harmlos dargestellten Jahreszahlen liegt das Problem der deutschen Autoindustrie.

Zu langsam, zu spät und dann oft auch noch halbherzig und die nächste Disruption, die um die Ecke schaut, eigentlich schon wieder verpasst. Denn Tesla zeigt ziemlich genau, wohin die Reise geht: Beyond Space.

Und so liest man weiter in der Pressemitteilung und staunt, was da so ausgelobt wird, denn Tesla ist da schon längst: “Die neue Software-definierte Architektur basiert auf NVIDIA DRIVETM und wird in allen künftigen Mercedes-Benz Fahrzeugen zum Standard gehören, um moderne automatisierte Fahrfunktionen zu ermöglichen. Ein Ziel wird sein, regelmäßige Strecken automatisiert zu fahren. Zusätzlich wird es zahlreiche weitere Sicherheits- und Komfortanwendungen geben. Die Idee: Kunden können Software-Anwendungen und Abonnement-Dienste via Over-the-Air-Updates über den gesamten Lebenszyklus des Fahrzeugs kaufen und hinzufügen.”

Es wird immer klarer, es geht um völlig neue Geschäftsmodelle, Wertschöpfungsketten und die vertikale wie horizontale Integration ganzer Branchen holistisch gebündelt von einer Vision auf ein großes Ziel. Aber noch haltet man sich mit der Mobilität und dem Bau von Autos auf, was bei Lichte besehen wohl kaum einen nachhaltigen Erfolg haben wird.

Und NVIDIA weiß in diesem Zusammenhang auch, wohin es schauen muss: Nach Israel, wo das Jahr 2019 spektakuläre Firmenaufkäufe NVIDIAs von israelischer Unternehmen sah, von welchen NVIDIA heute profitiert, wie auf GLOCALIST mehrfach berichtet.

Derweil, so muss man spekulativ feststellen, ist auch INTEL dabei sich im obigen Sinne einer holistischen Strategie zu einem Mobiltätskonzern zu wandeln, wie auf GLOCALIST berichtet, mit seiner Übernahme des israelischen Unternehmen Moovit.

Porsche scheint von den deutschen Automobilbauern zumindest taktisch den richtigen Ansatz zu finden und so sieht man auch zahlreiche unternehmerische Kooperationen zwischen Porsche und israelischen Unternehmen, wie auf GLOCALIST mehrfach berichtet.

Augenscheinlich dürfte BMW am schlechtesten aufgestellt zu sein und man darf gespannt sein, ob Bayern den holistischen Aufschlag schafft und nicht wie die anderen Player ihr Heil als schraubende Juniorpartner suchen. Mehr dürfte offensichtlich nicht drinnen sein, denn werden doch die neuronalen Netzwerke und Quantencomputer und mehr eben woanders erdacht und realisiert.

In der Pressemitteilung erfährt man weiter mehr über die Rollenverteilung: “Automatisierte Fahrfunktionen sollen in künftigen Mercedes-Benz Fahrzeugen von der NVIDIA DRIVE-Plattform der nächsten Generation angetrieben werden. Das System-on-Chip (SoC), genannt Orin, basiert auf der kürzlich angekündigten NVIDIA Ampere-Supercomputing-Architektur. Die NVIDIA DRIVE-Plattform umfasst einen vollständigen Systemsoftware-Stack, der speziell für die automatisierte Steuerung von KI-Anwendungen entwickelt wurde. NVIDIA und Mercedes-Benz wollen gemeinsam KI-Anwendungen und automatisierte Funktionen entwickeln, die SAE Level 2 und 3-Stufen sowie automatisierte Parkfunktionen (bis Level 4) umfassen.

Mit anderen Worten könnte man pointiert zusammenfassen: Plattform-Ökonomie und Intelligenz/Software kommt von NVIDIA, die Hardware, sprich Reifen und Motor von Daimler. Wer da am längeren Hebel der Wertschöpfung und der Innovation sitzt, erscheint mir augenscheinlich: Es ist NVIDIA.

Und ob es ein erfolgreicher Befreiungsschlag gegen Tesla wird, ist mehr fraglich und solche Fragen wirken auch eher atavistisch, kurzatmig und wenig überlegt bishin falsch gestellt wie auch angestrengt orakelhafte, leere Fragen, wie beispielsweise ob nun das Internet-Auto ein Hype oder die deutsche Autoindustrie zu spät sei. Manche Fragen mehr muten fast schon wie dadaistische Witze an und werfen so nebenher ein nicht sehr schmeichelhaftes Bild einiger deutschen Medien, was auch ein Problem für Innovation und beim Standortwettbewerb darstellt.

Es wird gerade die globale Wirtschaft und Ordnung und die Art ihrer Produktion völlig umgebaut und neu etabliert und da scheint Europas Wirtschaft wie Politik sich schon glücklich schätzen zu dürfen, wenn sie diesen Umbau als Juniorpartner überlebt, denn die großen Ideen, Visionen und mehr, werden woanders gedreht und gemacht.

Quellen: Daimler AG, NVIDIA, Glocalist, LinkedIn