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EPISODE 1: WARUM POSITIVES DENKEN KRANK MACHT

2019-04-09T10:29:10+00:009 April 2019|Allgemein, Kommentar|

Sie kennen das sicher: Sie üben berechtigte Kritik an einer Sache, zum Beispiel: am Produkt, an der Software, am Roboter, an der Zeichnung, am Buch. Es hat noch nicht jenen Detailanspruch an Qualität erreicht, den Sie sich, auch als Kunde erwarten würden.

Natürlich wäre es absolute Zeitverschwendung in einem bereits dicht gedrängten Team-Meeting die ersten zehn Minuten sich der Lobhuddelei an sich selbst hinzugeben. Wir wollen doch besser werden, am Markt reüssieren und nicht in der eigenen Wohlfühlglocke uns ausruhen. Also müssen wir an den Mängeln arbeiten und nicht daran, was wir sowieso schon gut können. Dazu braucht es gesunde Kritikfähigkeit, sonst verharren wir am stets gleichen Level.

Mit einer Gesellschaft, die sich im Kollektiv und Wirkungsraum (also am Arbeitsplatz) ständig persönlich und wegen jeder Kleinigkeit beleidigt fühlt – so eine Gesellschaft stoppt sich in sich selbst und bringt die Evolution keinen Millimeter weiter.

Für die Besiedelung des Mars, so wird dort wirklich hinwollen, werden wir Kritikfähigkeit, eine hohe Frustrationsgrenze und vor allem Überlebenswillen brauchen, ansonsten werden wir im rauhen Klima dieser ach so bösen, gemeinen Atmosphäre, die uns keinen Schritt entgegenkommen wird, sterben. Das Universum kooperiert nicht. Das ist Ihnen zu negativ? Tja, langweiliger Realismus war noch nie besonders Mindset inspirierend. Hält jedoch den Geist wach, fit und gesund.

KURZE IDEENGESCHICHTE DES POSITIVEN DENKEN

Das heutige Diktat des positiven Denkens, vor allem in den USA, hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert. Damals war das positive Denken eine Form des Widerstandes gegen den Calvinismus, den Siedler mitgebracht hatten. Ihr Gott liebte seine Geschöpfe nicht bedingungslos. In seinem Himmel gab es nur eine bestimmte Anzahl von Plätzen. d.h., man musste ständig den Sünden in sich nachforschen, wodurch es zwangsläufig zu einer Art sozial auferlegter Depression kam, die die Menschen negativ und somit krank machte.

Die Hochzeit für Positivdenker begann. Mit mantraartigen Brainwashing trällerten sie auf die Leute ein und erklärten, dass es nicht so schlimm ist und Gott niemanden hasse. Solche Floskeln kamen bei den Betroffenen natürlich sehr gut an. Es entstanden Claims wie neues Denken, richtiges Denken, Kraftdenken oder mentaler Positivismus.

Moderne Gesellschaften legen besonderen Wert auf individuelles Wohlergehen und Glück. Würde man Glück, ein Ziel das so man es jemals erreicht, niemals dauerhaft aufrecht erhalten kann, durch Erfüllung ersetzen, wie einfacher wäre doch das Leben. Ständig wird der Einzelne aufgefordert, positiv zu denken, gute Laune zu haben, sich mit grantiger Miene dem Happiness hinzugeben und optimistisch zu sein. Die Heerscharen der auf unauthentisch Trainierten ist mittlerweile unerträglich.

Zudem kann dieser ständige sei doch positiv Druck bereits die Laune trüben und eher das Gegenteil bewirken. Je stärker Menschen empfinden, dass man von ihnen eine positive Grundhaltung erwartet, desto schlechter wird manchmal ihre Stimmung. Deshalb empfiehlt es sich zur Teammotivation durchaus mal ein kräftiges Schei..e durch den Konferenzraum zu intonalisieren. Keine Sorge, dadurch geht die Welt nicht unter!

Auf sowieso schon Geringmotivierte wirken sich solche positiven Zielimaginationen hinderlich aus und können regelrechte Motivationskurzschlüsse hervorrufen. Dann tun sie trotzig erst recht nichts. Auch die Mentaltricks der Spitzensportler, die oft als Allheilmittel verkauft werden, können negative Konsequenzen haben. Heroische Phantasien führen vor Augen, welche Ziele außerhalb der eigenen Möglichkeiten liegen. Das verstärkt die negative Stimmung, stimmt pessimistisch und gleichgültig. Eine realistische Einschätzung und das Durchspielen möglicher Schwierigkeiten, kann eher helfen, denn wer sich machbare Ziele steckt, sollte sich nicht nur die erwünschte Zukunft lebhaft vorstellen, sondern auch die möglichen Hindernisse auf dem Weg dorthin vorwegnehmen.

Kein kluger Mensch rennt bereitwillig und blind in das eigene Verderben. Vorausschauendes Denken ist eine hohe Kunst. Vor allem sachlich-problemorientierte Menschen profitieren von diesem skeptischen Blick auf die Zukunft, denn ihre Stärke liegt im analytisch-kritischen Denken. Wer halbwegs klar bei Verstand ist, erhebt Selbsttäuschung zu keiner Tugend. Zudem dient der Skeptizismus dazu, Denkverbote zu überwinden.

Julie Norem vom Wellesley College, Boston zeigte in einem Experiment auf, dass Studenten deutlich schlechtere Prüfungsleistungen erbringen, wenn ihnen vorher optimistische Denkstrategien aufgezwungen werden. Sie schnitten besser ab, wenn sie sich vorher intensiv einen Misserfolg ausmalen durften.

Zwei Studien zu den wirtschaftlichen Folgen positiven Denkens haben hinterfragt, ob auch gesamtwirtschaftlich Folgen auftreten, die man im täglichen Leben nachgewiesen hat, etwa dass sich Studenten seltener und erfolgloser bewerben, wenn sie von einem tollen Job träumen, sich Patienten von einer Hüftoperation langsamer erholen, wenn sie von einem zu positiven Ergebnis ausgehen, Übergewichtige weniger Gewicht verlieren, wenn sie das Abnehmen idealisieren, Menschen in einer Woche weniger erledigen, wenn sie ihre Zukunft durch eine rosarote Brille sehen.

Dafür wertete man, in den Krisenzeiten 2007-2009 mittels einer Computeranalyse die Leitartikel der Wirtschaftsseite einer Tageszeitung aus und verglich, wie sich eine Woche und einen Monat später der Dow-Jones-Index entwickelte. Auch analysierte man die Antrittsreden der amerikanischen Präsidenten von 1933 bis 2009 auf positives Denken und verglich am Ende ihrer vierjährigen Amtszeit den wirtschaftlichen Erfolg (Bruttoinlandsprodukt, Arbeitslosenquote).

Das Ergebnis bestätigte, dass es zu einem sinkenden Aktienindex nach optimistischen Zeitungsartikeln kam, und auch weniger Wirtschaftsleistung und mehr Arbeitslosigkeit nach blumigen Antrittsreden konnten bestätigt werden.

Positives Denken einflussreicher Wirtschaftsjournalisten oder Präsidenten endete also in krisenhaften gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen. Drittvariablen, wie ein getrübtes Konsumklima oder eine ungünstige Auftragslage der Unternehmen ausgeklammert.

Man kann daraus den Schluss ziehen, dass ein kulturelles Klima, das davon bestimmt ist, positiv an die Zukunft zu denken, ein wichtiger psychologischer Faktor ist, der eher nicht zu einem wirtschaftlichen Aufschwung sondern eher zu einem Abschwung führt.

Bei der Frage danach, was gesund und gut für den Menschen sei, haben die Forscher auch die Antworten der Philosophien und Religionen verschiedener Kulturen herangezogen. Sie wiesen nach, dass die altbekannten Tugenden wie Weisheit, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung sowie die Fähigkeit, spirituelle Erfahrungen zu machen (Transzendenz), auch heute nützlich für die Lebensbewältigung sind und zu mehr Zufriedenheit führen. Stärken wie Begeisterungsfähigkeit, Bindungsfähigkeit, Neugier, Dankbarkeit, Ausdauer und Humor sowieso.

Über den Autor:

Petra Augustyn
Sie ist im Beirat GLOCALIST und Serial Entrepreneurin. Nach erfolgreichen Jahren in der New Economy war sie als E-Commerce Managerin für Konzerne tätig (erste online kaufbare Versicherung Österreichs). Im Jahr 2002 gründete die UNDER PAR Ltd. – ein international agierendes Immobilien-Development Unternehmen. Daraus gingen die UNDER PAR Publishing Ltd. mit den Projekten UNDER PAR E_Paper und MUSEUM TV hervor. Beide Projekte wurden erfolgreich an einen Medienkonzern verkauft. Petra Augustyn war Vizepräsidentin des IAB (Internet Advertising Bureau) Austria in der Gründungsphase 2002 – 2004. Heute betreibt Petra eine Consultingfirma, hält Key Notes zum Thema Künstliche Intelligenz und Ethik und ist Gründerin von ktschng.com und feelgood.tips (AI Projekt).

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