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Essay: Politik und Kränkung – Wie sich Kränkung und Anerkennung auf das politische Leben auswirken.

2018-10-23T14:37:56+00:0023 Oktober 2018|Allgemein, Kommentar|

Kränkung – Motiv für politisches Handeln und Ursache für Konflikte.

Es ist in der Politik an der Tagesordnung: Jemand wird gekränkt. Der Gekränkte wehrt sich. Entweder direkt oder indirekt. Sehr oft erzeugt die Kompensation und Abwehr von Kränkungen Streit, endlose Auseinandersetzungen, Scheitern von Verhandlungen und Schuldzuweisungen, bis hin zu Hass und Rache, die in Krisen, Krieg und Terror ausarten.

Durch Kränkungen wird das Selbstwertgefühl der Betroffenen verletzt und deren Werte werden in Frage gestellt. Wie Kränkungen das politische Leben beeinflussen, wird durchaus von Journalisten und politischen Beobachtern wahrgenommen. Wie zum Beispiel von Caroline Fetscher im Tagesspiegel vom 4.4.2015 in einem Beitrag mit dem Titel: „Russen, Gauweiler, Peymann – das eingeschnappte Ego. Jeder Mensch istnarzisstisch, ganze Nationen sind gern mal gekränkt. Ein Versuch über das Beleidigtsein“.

Die Russen sind beleidigt. Ihnen hat die Krim doch immer schon gehört, aber kaum holen sie sich die Halbinsel zurück, begegnet ihnen der Gruppengroll der Restwelt. Die Griechen sind beleidigt. All das ungewohnte Sparen und Steuerzahlen ist eine Zumutung, es rechtfertigt ihren Gruppengroll wider die Restwelt. Die Pegida-Deutschen sind beleidigt. Ausländer, die noch gar nicht da sind, könnten ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen, falls sie da wären. Schon der Gedanke beschwört das Gekränktsein herauf. Wenn das nicht eine Lizenz für einen grimmigen Aufstand bedeutet! Araber sind beleidigt, Chinesen ebenfalls. Amnesty International wirft ihnen vor, die Menschenrechte nicht zu achten, dabei sind doch die Amerikaner an allem schuld, irgendwie, immer. Anhänger einer Glaubensgruppe fühlen sich beleidigt von Anhängern einer anderen Glaubensgruppe – oder von Nichtgläubigen. Unser Gott hat mehr Erbarmen! Nein, unser Gott hat mehr Erbarmen! Was scheren mich eure Götter! Mit diesem Geschrei schlagen sie ohne Erbarmen aufeinander ein. Karikaturisten werden ermordet, Operndirektoren wegen kirchenkritischer Inszenierungen gefeuert, wie gerade in Novosibirsk geschehen. Rund um den Globus wird das Gekränktsein als Devise auf dem Markt der Ehre gehandelt, in der Münze des Gruppenstolzes geprägt, gegossen, gedruckt. Auch innerhalb von Gruppen lässt sich damit Aufsehen erregen. Herr Gauweiler in Bayern ist beleidigt, weil seine Partei Fraktionsdisziplin von ihm erwartet. Er sagt schöne Grüße, pfiat euch, und dankt gekränkt ab. Oder Herr Peymann in Berlin, auch ein Beleidigter.

C. Fetscher unterscheidet in ihren weiteren Ausführungen zwischen gerechtem und ungerechtem Zorn aufgrund der Kränkung, der wiederum einen berechtigten oder auch unberechtigten Widerstand evoziert. Sie weist auf Sigmund Freud hin, der die narzisstische Kränkung als ein Grund für seelische Konflikte analysierte.

Über die journalistische Thematisierung hinaus befassen sich z.B. Soziologen mit der Politik der Gefühle. Heinz Bude, Ute Frevert, die Autoren Gary Schaal und Felix Heidenreich und der Romancier Josef Haslinger setzen sich mit der Frage auseinander, wie und warum Politik von Gefühlen beeinflusst wird. Daran schließt sich meine Frage an: Welche Gefühle lösen denn Kränkungen aus? Wie man beobachten kann, sind es vor allem Wut, Hass, Rachegefühle und auch Niedergeschlagenheit und Resignation. Abgesehen von diesen soziologischen Ansätzen hat eine Psychologisierung der Politik begonnen. Spätestens nach der Wahl von Trump ist es in Mode gekommen, das politische Verhalten des amerikanischen Präsidenten psychoanalytisch zu erklären, nicht nur vonseiten prominenter Analytiker, sondern auch von Journalisten. Doch was ist gewonnen, wenn man Trump öffentlich auf die Couch legt, um zu konstatieren, er sei häufig beleidigt und kompensiere dies mit Größenwahn?

So interessant es auf den ersten Blick erscheint, dass Politik zum Psycho-Thema wird, so sehr sollte von eindimensionalen Erklärungen dieser Art abgesehen werden. Politisches Verhalten ist nicht allein psychologisch zu deuten, sondern ist durch Interessenlagen, ökonomische Zwänge, historische und kulturelle Kontexte bedingt und auch in diesen Kontexten zu interpretieren. Abgesehen davon ist es – aus professioneller therapeutischer Sicht – unmöglich, jemanden zu analysieren, den man nicht persönlich kennt. Der intime, psychoanalytische Prozess, der nicht ohne Grund unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, darf nicht mit einer politischen Analyse verwechselt werden.

Bisher und üblicherweise standen ökonomische und sicherheitspolitische Erklärungen von Konflikten im Vordergrund. Doch hier wird nicht berücksichtigt, dass Politiker keine Sozialautomaten sind und nicht nur verstandesmäßig handeln. Jede politische Persönlichkeit hat bestimmte Wertvorstellungen und ein Selbstwertgefühl, geprägt durch ihre Biographie. Politiker handeln in einem gesellschaftlichen Kontext, der wiederum durch die Geschichte, die ökonomischen und sozialen Bedingungen einer Epoche beeinflusst wird.

Regierungen und ihre Chefs kommen also nicht aus dem Nichts an die Macht. Sie sind das Ergebnis eines kulturellen Verständnisses von Identitäten und Werten ihrer Gesellschaft. In jedem Fall reflektieren und vertreten sie ein bestimmtes kulturelles Verständnis und bewegen sich in einem Umfeld, in dem Kränkungen und Abwertungen nicht zu vermeiden sind. Eine Triebfeder ihres Handelns ist die Überwindung von Kränkung und der Kampf um Anerkennung, um sich politisch zu behaupten und ihre Interessen und Ziele durchzusetzen.

Um zu verstehen, wie durch die Kränkungen Konflikte entstehen, reichen offensichtlich psychologische und soziologische Erklärungen oder auch die gängigen ökonomischen und sicherheitspolitische Erklärungen nicht. Es kommt auf eine Frage an, die quasi quer zu den klassischen Disziplinen steht: Wer kämpft aus welchem Grund und Kränkungsanlass, um welche Anerkennung und mit welchen Folgen?

Mit dieser Fragestellung lässt sich ein analytisches Instrument entwickeln und eine Diskussion über eine notwendige „Kultur der politischen Anerkennung“ in Gang setzen, zu der alle angesprochenen Disziplinen ihren Beitrag leisten können. Dafür müssen sich allerdings alle Fachvertreter bewusst werden, wie grundlegend die auf Werte bezogenen Kränkungsmechanismen für politische Entscheidungen sind.

Dabei soll hier die „Kultur der Anerkennung“ nicht mit dem Begriff „Anerkennungskultur“ gleichgesetzt werden. Denn hier werden in der Diktion der Diversity-Vertreter und der Verfechter einer Political Correctness, Begriffe und Denkweisen um einer vermeintlichen Anerkennung willen abgelehnt. Diese weit verbreitete Ansicht, was politically correct ist und was nicht, bringt für die Analyse von Konflikten nichts und kommt in mancher Hinsicht Denk- und Erklärungsverboten gleich.

Und wenn es hier um eine neue „Kultur der Anerkennung“ geht, dann geht es auch um die Entwicklung von Strategien, um politische Konflikte besser lösen zu können. Dazu gehören ein interdisziplinärer, interkultureller und internationaler Ansatz und kreative Konzepte, um neue politische Handlungsräume zu öffnen. Dieser Text ist ein Beitrag für diese notwendige Debatte.

Politik und Kränkung – Warum die Auswirkung von Kränkungen weiter erforscht werden müssen

In der Wissenschaft werden Einzelaspekte der Konflikte behandelt, aber es werden keine übergeordneten Zusammenhänge aufgrund fachübergreifender Fragen hergestellt. Selbstwertprobleme sind Thema der Narzissmustheorie und der Therapie. Es gibt zwar Ansätze einer politischen Psychologie, in der aber Kränkungen nicht ausführlich behandelt werden. Die Politikwissenschaft befasst sich bisher wenig mit seelischen und biographischen Faktoren, die politisches Handeln beeinflussen. In der Philosophie wird ausführlich untersucht, auf welchen Ebenen und in welcher Dialektik Anerkennung stattfindet, ohne dass ein Zusammenhang mit Werten, Kränkungen und Gefühlen hergestellt wird.

Das trifft auch zu auf das berühmt gewordene Kapitel „Der Kampf um Anerkennung zwischen Herr und Knecht“ aus Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Diesem Werk von Hegel sind hochinteressante Weiterführungen wie z.B. von A. Honneth u.a. gefolgt, in denen jedoch aber auch nicht seelische und biographische Aspekte aufgegriffen werden. Mit Werten befasst sich die Soziologie, aber weit eher deskriptiv als empirisch.

Auch hier bleibt die Frage offen: Warum werden die eigenen, für wichtig gehaltenen Werte in der Politik und im Alltag so heftig verteidigt? Mit welchen Gefühlen sind die eigenen Werteorientierungen besetzt? Und wie werden diese zum Ausdruck gebracht? Um die Komplexität des Phänomens Kränkung aufzuschlüsseln, werden hier fünf Fragen gestellt und behandelt:

A.     Welche Fallbeispiele aus der Politik spiegeln Kränkungen wider?
B.     Wie spielt sich der Kränkungsmechanismus ab?
C.     Wie wirkt es sich aus, wenn der Selbstwert verletzt wird?
D.    Was sind Werte? Welche Rolle spielen sie in der Politik?
E.     Welche Wege der Anerkennung können gegangen werden, um Konflikte zu lösen?

Welche Fallbeispiele aus der Politik spiegeln Kränkungen wider?

In den politischen Berichterstattungen werden weit mehr Fälle beschrieben, als hier aufgezeigt werden können. Also werfen wir einen Blick auf einige Beispiele des politische Geschehens allein der letzten Jahre:

 

SZ 29. 9.2015

 

„Obama verspottete Russland einst als Regionalmacht. Ein großer Fehler. Jetzt hat Putin klargemacht, dass man wieder mit Russland rechnen muss. Ein Kommentar von Julian Hans

….Es war vielleicht der schwerste Fehler des Friedensnobelpreisträgers während der Ukrainekrise, Russland als Regionalmacht zu bezeichnen. So etwas kann man höchstens denken, öffentlich sagen sollte man es auf keinen Fall. Denn öffentliche Demütigungen sind für Putin so etwas wie gefühlte Nato-Osterweiterungen.”Wir sind nicht davon besessen, eine Supermacht sein zu müssen”, sagte Putin jetzt im Interview mit dem US-Sender CBS. Der Aufmarsch in Syrien,  der ihn zum am meisten beachteten  Redner bei der 70. Generaldebatte der Vereinten Nationen machte und ihm endlich ein Treffen mit dem US-Präsidenten bescherte, spricht eine andere Sprache. Obamas Regionalmachtaussage hat Putin damit widerlegt. Möglicherweise war das sogar eines der wichtigsten Ziele der Aktion. Putin hat klargemacht, dass man wieder mit Russland rechnen muss. Wenn das nun auch im Westen verstanden wurde, hat das vielleicht auch sein Gutes. Denn dann wird hoffentlich mehr Politikern klar, dass in der Auseinandersetzung mit Moskau flapsige Sprüche nicht weiterhelfen. Sie dürfen nicht immer nur auf Putins Überfälle reagieren, sie brauchen eine kühle Analyse des russischen Vorgehens und eine klare Strategie zum Umgang mit Moskau, wollen sie nicht noch einmal so vorgeführt werden.

 

Am Beispiel Vladimir Putins wird deutlich, wie Kränkungen eines Kollektivs, der jeweiligen Nation, als persönliche Erniedrigung empfunden oder bewusst interpretiert werden können – mit den Folgen einer aggressiven „Retour-Politik“. Putin fühlte sich durch diese Aussage Obamas diffamiert: So nahm er Anstoß an dessen Formulierung. Die tiefe Demütigung auf der Ebene der Nation wird projiziert auf die eigene individuelle Ebene, sodass ein konkreter Bezug zwischen einer persönlichen Kränkung und politischen Entscheidungen entsteht.

Als Staatsmann wickelte Putin seine kompensatorischen Handlungen dann im Rahmen internationaler Politik ab. Die Äußerung Obamas wird von erfahrenen Diplomaten als Trendwende russischer Außenpolitik beschrieben. Aus dieser Perspektive erscheinen die Annexion der Krim, das rabiate Auftreten im Syrien-Krieg und die Destabilisierung der EU durch gezielte Desinformations-Propaganda als staatspolitischer Ausfluss und Ventil des individuellen bzw. nationalen Ressentiments.

 

DIE ZEIT 18.2.2016

 

Papst vs. Trump

Auf seinem Rückflug von Mexiko nach Rom kann Papst Franziskus nicht an sich halten und beschimpft Donald Trump als „unchristlich“….
 “Ich sage nur: Wenn er solche Dinge sagt, dann ist dieser Mann kein Christ”, so Franziskus. “Eine Person, die daran denkt, Mauern anstatt Brücken zu bauen, ist nicht christlich. Das ist nicht das Evangelium.“ Trump ließ die Äußerungen des Papstes nicht auf sich sitzen. Während einer Wahlkampfveranstaltung in South Carolina bezeichnete er sie als “schändlich”, auf Facebook schrieb er, für einen religiösen Führer sei es beschämend, den Glauben eines Menschen infrage zu stellen. Er fügte hinzu: “Wenn der Vatikan vom IS angegriffen wird, was das Ziel der Terrormiliz ist, wird sich der Papst noch wünschen und dafür beten, dass Donald Trump Präsident ist.“

Hier geht es weniger um Machtfragen, als vielmehr um einen Wertekonflikt. Christliche Werte – wie das Ideal der Nächstenliebe – verteidigt der Papst gegen die aggressive Abgrenzungspolitik Trumps. Dieser wiederum trumpft mit seiner „Macht“ auf, auf die der Vatikan im Fall eines Angriffs durch den IS bauen müsste. Hier werden vom Papst „Werte“ verteidigt und Trump reagiert, um seinen „Selbstwert“ zu manifestieren, mit Hinweis auf die militärische Macht der USA.

NZZ 5.3.2017

 

Erdogan beleidigt Deutschland

Die Hoffnung auf eine Entspannung im deutsch-türkischen Verhältnis hat nicht lange gehalten. Staatschef Erdogan unterstellt Berlin wiederholt Nazi-Praktiken.
Marco Kauffmann Bossart, Istanbul

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat am Sonntag die Spannungen mit Deutschland angeheizt. Verärgert über die Absage von zwei Auftritten türkischer Minister, die vor ihren Landsleuten in Deutschland für ein kontroverses Verfassungsreferendum werben wollten, unterstellte er Berlin «Nazi-Praktiken». Er habe gemeint, Deutschland greife nicht mehr zu solchen Methoden, polemisierte Erdogan in Istanbul. Doch habe man sich getäuscht. Deutsche Politiker reagierten empört auf den Nazi-Vergleich. Die stellvertretende Vorsitzende der CDU, Julia Klöckner, sprach von einem «neuen Höhepunkt der Masslosigkeit».

 

Diese Abwertung Deutschlands im Rückgriff auf die Nazi-Zeit sind wie Totschlag-Argumente, die die politischen Verhandlungen zwischen der Türkei und Deutschland negativ beeinflussen. In Bausch und Bogen wird mit dieser „Erklärung“ die freiheitliche Demokratie der Bundesrepublik Deutschland ad absurdum geführt. Und nicht nur auf die Nation Deutschlands schlägt Erdogan ein, sondern auch auf Regierungsvertreter wie Sigmar Gabriel:

 

Die Welt 19.8.2017

 

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) in einer scharfen persönlichen Attacke vor weiterer Kritik an der Türkei gewarnt. ‚Er kennt keine Grenzen‘, kritisierte Erdogan am Samstag in einer im Fernsehen übertragenen Rede mit Blick auf Gabriel. An die Adresse des deutschen Ministers fügte Erdogan hinzu: ‚Wer sind Sie, dass Sie mit dem Präsidenten der Türkei reden? Beachten Sie Ihre Grenzen!‘

Die Abwertung drückt sich hier in Form einer Zurechtweisung aus und in einer Infragestellung von S. Gabriels politischer Kompetenz. Beide Inhalte sind Ausdruck eines verbal geäußerten Machtgehabes. Zu diesen persönlichen Beleidigungen gesellt sich, dass die türkische Regierung die Menschenrechte mehr als einmal durch unrechtmäßiges Einsperren deutsch-türkischer Autoren und Journalisten verletzt. Und man fragt sich – nicht nur diese beiden Vorkommnisse betreffend: Welcher Kränkungen sind das Motiv für Erdogans aggressive Politik?

 

FAZ 21.11.2017

 

Lindner: Wir fühlten uns gedemütigt

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hat das Aussteigen seiner Partei aus den Gesprächen über eine Jamaika-Koalition mit der mangelnden Kompromissbereitschaft der Grünen begründet. ‚Es gibt Grenzen der Kompromissfähigkeit, wenn es darum geht, einen Partner zu demütigen. Was am Ende auf dem Tisch lag, haben wir leider so empfinden müssen‘, sagte Lindner in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.“

 

Ein Grund für das Scheitern der Jamaika-Verhandlungen hat Ch. Lindner hier zum Ausdruck gebracht. In jeder Art von mangelnder Kompromissbereitschaft offenbart sich der Mangel an Anerkennung den Verhandlungspartnern gegenüber. Es geschieht allerdings selten genug, dass ein Regierungsvertreter oder Parteipolitiker von „Demütigungen“ so offen spricht. Und die Frage bleibt, ob dieses Eingeständnis nur eine Schuldzuweisung beinhaltet und oder nicht auch mit dem Ziel verbunden ist, langfristig eine eigene, neue politische Karriere zu planen. Das Eingeständnis der Demütigung ist verbunden mit einer scharfen Grenzziehung und einer massiven Kritik an den Parteigegnern.

 

Deutsche Welle 16.01.2018

 

Autorin/Autor Carla Bleiker, Martina Schwikowski

Trumps “Drecksloch”-Äußerung: Empörung und Verständnis aus betroffenen Ländern

„Viele Menschen aus den Ländern, die Donald Trump pauschal als “Dreckslöcher” verunglimpft haben soll, fordern eine Entschuldigung. Andere dagegen sagen, der US-Präsident habe mit seiner Einschätzung Recht. Viele seiner politischen Gegner hatten prognostiziert, dass US-Präsident Donald Trump noch vor seinem ersten Jahrestag im Weißen Haus des Amtes enthoben werden würde. Aber dazu kam es nicht: Am Sonntag feiert Trump sein einjähriges Amtsjubiläum. An der Mehrzahl der vergangenen 365 Tage sorgte der Präsident mit Tweets oder derben Statements für Aufsehen. Unterstützer finden sie erfrischend ehrlich. Für Gegner sind die Äußerungen des US-Präsidenten dagegen häufig respektlos, hasserfüllt, rassistisch oder alles auf einmal.“

 

Aktuell sind diese Entwertungs-Äußerungen, in denen Trump ganze Länder beleidigt. Sein Überlegenheitsgestus vermischt sich mit Verachtung, ohne dass Trump an die Menschen denkt, die Rechte haben und denen die Menschenwürde zusteht. Die Beleidigung Andersdenkender und die Abwertung von Ländern ist mittlerweile häufig beobachtbares politisches Mittel von Trump. Werfen wir beispielhaft einen kurzen Blick auf die möglichen Gründe, die Trump immer wieder zu Kränkungen politischer Art veranlassen. Sie funktionieren unterschwellig nach dem Mechanismus, von dem im nächsten Abschnitt die Rede sein wird: Wer einst sehr gekränkt wurde, kränkt in der Nachfolge dessen unentwegt andere.

Bei Donald Trump können vor allem zwei Geschehnisse Aufschluss über mögliche eigene Kränkungen geben. Hier handelt es sich nicht um ein „Auf-die-Couch-legen“, sondern um die Interpretation von aufeinanderfolgenden Ereignissen, die in einem psycho-logischen Zusammenhang gesehen werden können.

Einen ersten Kränkungsanlass gab es, als Trump trotz anfänglicher Erfolge im Baugeschäft in Manhattan nie vollständig von der dortigen gesellschaftlichen Elite akzeptiert wurde. Nach den folgenden Bankrotten inszenierte er sich als erfolgreicher Geschäftsmann im Fernsehen und entwickelte sich endgültig zur „Marke“.

Ein zweiter, rückblickend weltpolitisch bedeutenderer Anlass vollzog sich beim White House Correspondents’ Dinner 2011 durch Barack Obama. Der damalige Präsident verspottete Trumps Befähigung als ein Entscheider von Format. Diese auch medial stark rezipierte Erniedrigung wurde später von manchen Beobachtern als der Moment definiert, in dem Trump eine Präsidentschaftskandidatur ernsthaft ins Auge fasste. Möglicherweise, um Anerkennung in einem neuen Spielfeld zu gewinnen.

Die politische Reaktion auf diese Kränkungen nimmt bei Trump vornehmlich die Form einer aggressiv-exzentrisch vorgetragenen Macher-Attitüde an, die von dem unbedingten Willen zeugt, allen Kritikern seine Entscheidungshärte unter Beweis zu stellen und sie zu deklassieren.

Politik als Vergeltung für zugefügte Kränkungen ist auch in den Parteien kein unbekanntes Phänomen. Nehmen wir Oscar Lafontaine und Alexander Gauland als Beispiele. Die beiden 74 und 76 Jahre alten Politiker, die eine bürgerlich-humanistische Bildung genossen, rächten sich an ihren Mutterparteien SPD und CDU, der sie ihre Karriere zu verdanken hatten. Sie schlossen sich Parteien am Rande des politischen Spektrums an und setzen so ihre ehemaligen Parteien erfolgreich unter Druck (vgl. dazu Markus Wehner, „Die Zeit der Populisten“, FAZ, 16. Dezember 2017).

Das starke innere Motiv der Kränkung (durch Gerhard Schröder und Angela Merkel) führte maßgeblich zu einer systemischen Veränderung der deutschen Parteienlandschaft. Der Eine machte die Linke im Westen der Republik hoffähig, der Andere etablierte gar erfolgreich eine neue Partei.

Ein Beispiel dafür, dass politische Gruppen sich gekränkt fühlen, zum Beispiel, weil sie sich von den herrschenden Parteien nicht gesehen, verstanden und gehört fühlen, bieten die AfD-Anhänger und -Wähler, die aus der Kränkung Konsequenzen für ihre politische Haltung ziehen.

Gründe dafür werden nachfolgenden Kommentaren benannt: Timothy Garton Ash, Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow der Hoover Institution an der Universität Stanford, erklärt in einem Artikel mit der Überschrift: „Mangel an Respekt“ in der SZ vom 29.9.2017:

Eine Lehre sollten wir aus dem Erfolg der AfD ziehen: Wollen wir gegen den Populismus vorgehen, müssen wir verstehen, dass seine Antriebskräfte ebenso sehr kultureller wie wirtschaftlicher Art sind…Natürlich gibt es auch in Deutschland eine wirtschaftliche Komponente. Nicht jeder Deutsche fährt BMW und denkt über seinen Zweiturlaub auf Mallorca nach. Doch ist das ökonomische Motiv bei Weitem nicht so relevant wie bei der Wahl Donald Trumps oder dem Brexit. In einer Umfrage nannten 95 Prozent der AfD-Wähler Bedrohungen ‚der deutschen Sprache und Kultur‘ als Grund für ihre Entscheidung.“ Eine weitere Erklärung kam von Ex-Weltbank Chef-Ökonom Joseph Stiglitz: Der Wahlerfolg der AfD sei ein Aufstand der Globalisierungs-Opfer, vgl. dazu SZ, 7.10.2017.

In allen hier ausgewählten Beispielen wird deutlich, wie Kränkungen  und Gekränktwerden politische Prozesse beeinflussen und wie innen- wie außenpolitische Konflikte daraus resultieren. Jedes Beispiel könnte noch weiter- und tiefgehend analysiert werden.

Politik und Kränkung – Wie Kränkungen funktionieren

Die Dynamik dieses Mechanismus vollzieht sich in Wechselwirkungen und in folgenden Etappen

1. A erlebt sich von B nicht anerkannt – als Person, die Werte, Meinungen, Leistungen und Haltungen betreffend.
2. A fühlt sich durch B gekränkt.
3. A kommuniziert die Kränkung vonseiten B’s nicht direkt, weil die Erwähnung der Kränkung einem Eingeständnis von Schwäche gleichkäme.
4. A kompensiert die Kränkung – B gegenüber/ B betreffend – durch verbale, ab- und entwertende Äußerungen, durch Machtausübung, psychische und physische Gewalt, mit dem Ziel, das eigene Ohnmachtsgefühl loszuwerden.
5. B wehrt sich wieder und schlägt zurück.
6. A wehrt sich in Folge dessen gegen B. Und so entsteht eine Kette von Konflikten, die sich in Streitereien, Krisen, Kleinkriegen und Kriegen niederschlagen.

 

Dieser Kränkungsmechanismus zwischen Personen, Parteien, Gruppen und Nationen (und dessen partielle Tabuisierung) findet in allen zwischenmenschlichen Beziehungen und eben auch in der Politik statt. Kränkungen finden interessanterweise jedoch auch aufgrund von Tatsachen und Realitätszusammenhängen statt, die niemand direkt und unmittelbar zu verantworten hat, die aber durch politische Entscheidungen zustande kommen. Zum Beispiel, wenn Rentnerinnen und Rentner, die ihr Leben lang gearbeitet haben, mittels ihrer Rente ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können.

Für die Wirkung der Kränkung spielt es keine entscheidende Rolle, ob der Mangel an Anerkennung berechtigt ist oder nicht. In jedem Fall ist die Anerkennung und damit die Erfüllung berechtigter, unberechtigter narzisstischer Wünsche ausgeblieben. Narzissmus ist jedoch nicht von vornherein pathologisch: Kein Mensch auf der Welt kann ohne die Spiegelung anderer, ohne die positive Resonanz und die Selbstakzeptanz auskommen. Wann und wodurch jedoch kippt dieses menschliche Bedürfnis um ins Pathologische? Um hier fundierte Hinweise zu erhalten, bedarf es einer analytischen Untersuchung im Einzelfall, unter Berücksichtigung der Privatsphären.

Wie wirkt es sich aus, wenn der Selbstwert verletzt wird?

Natürlich ist es wichtig, hier zwischen dem individuellen Selbstwertgefühl und dem einer Nation (oder einer Gruppe) zu unterscheiden. Trotz dieser notwendigen Unterscheidung wird oft übersehen, dass Bürgerinnen und Bürger auch ein gemeinsames politisches Schicksal erfahren, das mit Demütigungen verbunden ist – z.B. bedingt durch die Besetzung ihres Landes durch eine andere Nation, durch die Zugehörigkeit zu einer verfolgten politischen oder religiösen Gruppe oder durch massive Benachteiligungen durch bestimmte Regelungen (z.B. die Renten betreffend).

Insofern kann man durchaus nicht nur von gekränkten Personen, sondern auch von einer gekränkten Gesellschaft sprechen, die sich auf verschiedenste Weise gegen Missachtung und mangelnden Respekt wehrt.

Befassen wir uns mit einer – auf den ersten Blick – „unpolitischen“, seelischen und menschlichen Tatsache: Ein Mensch mit einem gesunden Selbstwertgefühl ist weit weniger gefährdet, gekränkt zu sein, als einer mit Minderwertigkeitskomplexen. Jemand mit einem guten Selbstbewusstsein hat es nicht nötig, einen anderen Menschen abzuwerten, sprich: zu kränken, um sich mächtig zu fühlen. Ein sich selbst bewusster Mensch ist in früher Kindheit ziemlich sicher bedingungslos geliebt und akzeptiert worden. Natürlich gibt es Menschen, die dies nicht erlebt haben und durch ihre Entwicklung mit Selbstwertproblemen kreativ umgehen können oder sie gar weitgehend überwunden haben.

Allerdings ist es mit dem Selbstwert vieler Männer und Frauen heute oft nicht so weit her. Das wissen nicht nur Therapeuten. Das erleben auch Chefs und Arbeitgeber sowie Menschen, die in sozialen Berufen tätig sind. Die Erfahrung, bedingungslos geliebt und akzeptiert zu werden, erleben erschreckend wenig Menschen in ihrer Kindheit. Auch das ist ein Thema, das viel zu wenig im öffentlichen Bewusstsein ist. Das ist nicht nur ein aktuelles Problem, sondern ein schon lange historisch nachgewiesenes Dilemma (wie es zum Beispiel in dem erschütternden Buch „Hört ihr die Kinder weinen“, hrsg. von Lloyd de Mause nachzulesen ist).

Dieser Mangel an Liebe in der Kindheit hat langfristige Nachwirkungen. Das Bedürfnis, sich selbst etwas wert zu sein, wird heute oft mühsam durch enorme Leistungsanstrengungen erfüllt, durch Machtausübung über andere und durch Anhäufung von Geld und Statussymbolen. Natürlich sind von diesen Selbstwertproblemen Politiker nicht ausgeschlossen.

Gerade hier scheinen sich – aufgrund der medialen Exponiertheit – besonders oft Menschen zu tummeln, für die die narzisstische Bedürfnisbefriedigung wichtig ist. Jemand, der sich eine innere Unabhängigkeit vom Lob und Tadel anderer bewahren will und ein gutes Selbstbewusstsein hat, vermeidet es womöglich, sich in das Schlachtfeld Politik zu begeben. Es kommt nicht selten vor, dass Männer und Frauen sich aus Idealismus für eine politische Laufbahn entscheiden und erschrocken feststellen, dass Kränkungen im politischen Geschäft in Kauf genommen werden müssen.

Es hängt von der persönlichen Haltung ab, wie diejenigen damit umgehen: Hinnehmen? Frustriert sein? Zurückschlagen? Verteidigungsstrategien entwickeln, die sich verselbständigen? Wenn ein politisch Handelnder hingegen wirklich um einer lohnenswerten Sache willen ein Ziel erreichen will und nicht (nur), um sich zu profilieren, ist dies ein Zeichen für ein gutes Selbstwertgefühl und eine geeignete Voraussetzung für integres politisches Handeln! Solche Politiker halten auch weit besser Anfeindungen aus und überstehen diese unbeschadet. Man denke an Mahatma Gandhi und andere.

Auch eine Nation kann ein positiv oder negativ besetztes Selbstwertgefühl haben. Wir würden dann von Nationalstolz bzw. von einer unterdrückten oder gedemütigten Nation sprechen. Deutschland hat in dieser Hinsicht eine weitaus größere, historisch bedingte Scheu als England, Italien oder Frankreich – also europäische Länder, die keine Hemmungen haben, auf ihre Kultur, Nation und Werte stolz zu sein.

Politik und Kränkung – Wege zur Lösung

Wenn im politischen Umfeld gelernt werden würde, sich im Sinne einer empathischen Politik auf eine Kultur der Anerkennung einzulassen, könnte dies ein Weg sein, der allen Beteiligten zugute käme.

Was sind Werte? Welche Rolle spielen sie in der Politik?

Was sind Werte? Zunächst sind Werte zu unterscheiden in Tugenden und Idealen. Diese Unterscheidung ist für die differenzierte Erklärung des Werte-Begriffs wichtig, weil man aufgrund dieser Unterscheidung Werte-Konflikte analysieren kann, z. B. unter der Fragestellung: Handelt es sich in einem Konflikt um verschiedene Vorstellungen von einem „richtigen“ Verhalten die Tugenden betreffend? Oder geht es um die weit kompliziertere Auseinandersetzung über unterschiedliche politische Ideale?

Werte sind einerseits bürgerliche Tugenden, wie z.B. Fleiß, Aufrichtigkeit, Anpassung, Ordnung, Ehrlichkeit, Verantwortlichkeit. Tugenden beziehen sich auf positiv beurteilte, soziale Handlungen, die überprüfbar sind. Es ist in der Regel feststellbar, ob jemand fleißig ist, die Wahrheit sagt, sich einordnen kann und Verantwortung übernimmt oder auch nicht.

Andererseits sind Werte Ideale, also auch politisch relevante Universalien, wie z.B. Gerechtigkeit, Gleichheit, Gottesfürchtigkeit, Brüderlichkeit. Ideale sind Orientierungs- und Vollkommenheitsmuster, die sehr verschieden gedeutet und gelebt werden. Das Ideal der Gleichheit hat in der französischen Revolution zu Gewaltakten geführt, das Ideal der Gottesfürchtigkeit zu den grausamen Religionskriegen. Sowohl die Tugenden als auch die Ideale sind als Identifikationsmuster hoch emotional besetzt: Wehe, jemand stellt in Frage, dass „meine oder unsere Werte“ nicht wichtig sind. Wehe, jemand teilt die Werte nicht, die mir oder uns wichtig sind! Dann gibt es schnell Ärger und Ausgrenzung!

Die Selbstverständlichkeit der Werte: Jeder Mensch, jede Gruppe und jede Nation hat kulturell vermittelte Werte verinnerlicht. Werte haben immer einen historisch-kulturellen Sinn und einen gesellschaftlichen Ursprung. Sie wirken als kulturell überlieferte, ungeschriebene Regelsysteme, mit deren Hilfe entschieden wird, was „richtig“ oder „falsch“ ist. Diese Werte werden in der Familie, in der Erziehung, in den Medien, in politischen Diskursen, in Kultur und Wissenschaft direkt und indirekt transportiert. Werte werden als selbstverständlich angenommen – sowie der Gebrauch von Messer und Gabel beim Essen seit Jahrhunderten üblich ist.

Werte sind wie Gebäude, in denen man seit langem wohnt und sich bewegt, ohne über sie dauernd nachzudenken. Das Heraufbeschwören von „Werten“ häuft sich in Umbruchszeiten, in denen alte Denk- und Verhaltensmuster sich auflösen und die als selbstverständlich gelebte Regeln nicht mehr gelten. Seit einiger Zeit fehlt in kaum einer politischen Rede die Klage darüber sowie das Pochen auf den „Werten“. Manchmal einem Aufschrei ähnlich: „Wir bauen auf unsere Werte! Ohne Werte geht es nicht! Wir erlauben niemandem, diese Werte in Frage zu stellen!“ So gut wie nie wird konkret nachgefragt: Um welche Werte geht es eigentlich? Wie sollen denn bitte die Werte gelebt werden? Mit welchem Anspruch können sie gegenüber Dritten geltend gemacht werden?

Werte und ihre widersprüchliche Wirkung: Werte wirken nicht nur „positiv“: Sowohl verlangte Tugenden als auch proklamierte Ideale können zu einem individuellen wie nationalen Problem werden: Wenn die Tugend der Anpassung zu Mitläufertum führt; wenn die Tugend Fleiß einen Burnout verursacht; wenn dem Pochen auf dem Ideal der Gerechtigkeit die Vernichtung der „Ungerechten“ folgt; wenn das Ideal Gottesglaube zur Tötung „Ungläubiger“ führt.
In einer pluralistischen Gesellschaft werden widersprüchliche Wertvorstellungen von aufgeklärten liberalen Bürgern durchaus akzeptiert und ausgehalten. In einer Diktatur hingegen gelten nur die rigoros durchgesetzten „Wertmaßstäbe“, die niemand straflos in Frage stellen oder übertreten darf.

Werte als Konfliktpotential

Abgesehen von Werten wie Tugenden und Idealen, gibt es bewusst entwickelte institutionell verankerte Werte, wie sie in internationalen Verträgen und Organisationen kodifiziert sind. Denken wir an die UN mit ihrer Erklärung der Menschenrechte und dem Global Compact oder an die WTO, die NATO oder EU. Ob nach diesen für wichtig gehaltenen Werten auch gehandelt wird, steht auf einem anderen Blatt. Die Identifizierung einer Nation, Gruppe oder Person mit bestimmten kulturellen Werten ist in der Regel so stark, dass jeder Angriff auf diese Werte zu einem massiven Konflikt führen kann. Das ist nicht nur bei den „Werten“ des IS-Gottesstaates der Fall. Das findet auch statt, wenn die Werte, die die Flüchtlinge aus ihrer Heimat mitbringen, auf die Werte der Einwanderungsländer prallen. Und wenn Präsident Trump Frauen abwertet, verletzt er nicht nur das Selbstwertgefühl der Frauen, sondern auch den Wertekodex der Gleichberechtigung.

Analyse von Werte-Konflikten als Lösungsansatz: Kränkungen als Folge der Verletzung von Werten zu interpretieren, eröffnet eine wirksame methodische Perspektive im Verständnis von politischen Konflikten, besonders im internationalen Zusammenhang. So würden Politiker nicht nur als Funktionsträger beurteilt, sondern als Menschen mit Wertvorstellungen, mit widersprüchlichen Gefühlen und unbewussten Absichten verstanden werden. Mit dem anvisierten psychologischen und philosophischen Analyse-Instrumentarium würden Krisen, Kriege und Konflikte breiter und tiefer interpretiert werden können. Ein solcher Ansatz weist vor allem Anknüpfungspunkte zur modernen Complex Interdependence-Theorie der internationalen Beziehungen auf. Die klassische Realismus-Theorie hingegen rückt rationale Kategorien wie Macht und Interessen in den Mittelpunkt ihrer Analyse, die den Nationalstaat als zentrale Einheit der internationalen Politik betrachtet.

Man könnte sagen, dass hier Thomas Hobbes’ pessimistisches Menschenbild nachwirkt: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Dieses Menschenbild Hobbes ist sicher auch der Tatsache geschuldet, dass Hobbes in einer Zeit der Kriege lebte und der von ihm fundierten Ansicht war, dass nur durch Staatsverträge und Gesetze die überbordenden Aggressionen in Zaum zu halten wären. Aber ist dies heute nicht genauso der Fall? Abgesehen von der Frage, inwieweit Gewalt überhaupt durch Gesetze vollends regelbar ist. Internationale Politik würde in diesem Kontext jedoch verstanden werden als Nullsummenspiel, in dem jedes Land seinen Vorteil maximiert, oft auch zum Schaden des Gesamtsystems.

Ein pluralistischer Theorie-Ansatz, der hier verfolgt wird, zielt auf die Komplexität von Ursache- und Wirkungsverhältnissen ab und setzt auf methodische Vielfalt. Der Ansatz, in dem eine Kultur der Anerkennung angestrebt wird, könnte es ermöglichen, Politik anhand einer Vielzahl von Faktoren und Umständen zu beurteilen. Folglich könnte diese Art von hier weiterzuentwickelnden Theorie den politischen Faktor „Kränkung“ als wichtigen Aspekt in die sozialen, psychischen, politisch-historischen Verflechtungen integrieren. Ohne einer rein individuell ausgerichteten Erklärungsweise zu huldigen, hätte in diesem Ansatz auch die „Biografie“ als psychohistorische Untersuchungsform eine zentrale Bedeutung.

Welche Wege der Anerkennung können gegangen werden, um Konflikte zu lösen?

Der erste Schritt bestünde darin, einen aktuellen politischen Konflikt zu definieren und zu beschreiben. Als nächstes wäre zu untersuchen, in welcher Weise ein Mangel an Anerkennung im Sinne der Verletzung des Selbstwertes stattgefunden hat und wie sich dieser auswirkt auf das weitere Verhalten. Im Weiteren wäre zu fragen: Welche Werte bzw. Wertedifferenzen spielen in diesem Konflikt eine Rolle? Welche Reaktionen darauf führen zu welchen Konflikten? Wie kann der Konflikt, dessen Analyse und die möglichen Lösungen, konstruktiv kommuniziert werden?

Nach der Analyse aufgrund dieser Fragen wären Lösungsschritte für den konkreten Konfliktfall zu entwickeln. Dieses Analyse-Instrumentarium wäre weiter zu differenzieren und könnte in die Weiterbildungskonzepte für Politik, Wirtschaft und Diplomatie aufgenommen werden.

Im Weiteren sind Empfehlungen auszuarbeiten, auf welche strategische Weise Entwertungsspiralen zu vermeiden sind und wie Politiker durch authentisches Interesse, Empathie und Verständnis auf die Vorbehalte und Ressentiments von Bürgern eingehen können. In den öffentlichen Diskursen könnten professionelle Moderatoren weit mehr als bisher einen gemeinsamen Raum für kreative Meinungsverschiedenheiten schaffen, z.B. indem sie den notwendigen Perspektiv-Wechsel begleiten und auf gegenseitige Wertschätzung als Basis für konstruktive Kommunikation aufbauen.

Es geht um Modelle, durch die man lernen kann, den Gesprächspartnern in ihrer Andersartigkeit mit Verständnis zu begegnen und ihre Anliegen als legitim wahrzunehmen. Diese Verständnisbereitschaft hätte nichts mit einem Gewährenlassen oder einer falsch verstandenen Beliebigkeit von Meinungen zu tun, sondern mit Respekt, der die Voraussetzung für konstruktive Gespräche ist.

Es geht hier generell um ein Politikverständnis, durch welches das Selbstwertgefühl, die Ängste und Vorbehalte der Bürger und wie die der politischen Entscheidungsträger respektiert werden, ohne dass dabei deshalb politische Positionen bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht werden! Hier wäre der Mut zu eindeutigen und gut begründeten Positionen gefragt!

Ein konkreter Schritt für den konstruktiven Umgang mit diesen Problemen wäre es, ein Konzept für die Ausbildung von Diplomaten und Regierungsvertretern zu entwickeln, durch das erlernbar ist, mit Kränkungen souverän umzugehen, Kränkungen zu vermeiden und die vielfältigen Ausdrucksformen und Ebenen der Anerkennung zu erkennen und zu praktizieren. Ich sehe es als sinnvoll an, ein Curriculum für angehende Diplomaten zu entwickeln, und zwar in Ergänzung zu den vorangegangen vier, hier behandelten Aspekten: Wie korrelieren in einem konkreten Konfliktfall Kränkungen mit Entwertungen? Welche Wertedifferenzen spielen eine Rolle? Wie könnte Anerkennung als diplomatischer Akt real umgesetzt werden?

Wie lässt sich Anerkennung professionell erlernen und praktizieren? Es ist eine große Herausforderung, in dieser Hinsicht tätig zu werden auf der Basis von interdisziplinärer Forschung. Gelänge dies, bestünde die berechtigte Hoffnung, dass Konflikte künftig besser und unaufgeregter verstanden und medial vermittelt werden könnten. Politiker hätten die Chance, sich neue Handlungsspielräume zu erschließen. Anerkennung hieße – ganz im philosophischen Sinne – auch: Erkennen, Erinnern, Wahrnehmen, nicht nur in Bezug auf Personen, sondern auch auf Fakten, Tatsachen, Verträgen und historischen Tatsachen. Politiker könnten lernen, bewusst und souverän mit unvermeidlichen Kränkungen im politischen Geschäft umzugehen. Und schließlich könnten sie eine Ausdrucksform finden, durch die sie authentisches Interesse und Empathie für Wählerinnen und Wähler vermitteln.

Kritisch reflektierte Anerkennung wäre friedensstiftend und keineswegs gleichzusetzen mit faulen Kompromissen, dem Aufweichen von notwendig klaren Positionen und einem Kleinbegeben aufgrund irgendwelcher vermeintlichen Rücksichtnahmen. Wenn im politischen Umfeld gelernt werden würde, sich im Sinne einer empathischen Politik auf eine Kultur der Anerkennung einzulassen, könnte dies ein Weg sein, der allen Beteiligten zugute käme.

Über den Autor:

Dr. Barbara Strohschein
Dr. Barbara Strohschein, ist Beiratsmitglied von Glocalist, Philosophin, Autorin (u.a. Suhrkamp) und Expertin in Ethik, Werte und soziale Innovation. Zahlreiche Wissenschaftsprojekte. Aktuell: „Argumentationsmuster von Klimaskeptikern“ in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Flader, gefördert von der DBU, SHR-Hochschule Berlin.

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