Die Neigung, etwas mit einer Berührung noch einmal zu überprüfen, ist in vielen Lebensbereichen weitverbreitet und bekannt. Diese Erkenntnis, nun unterlegt auch mit einem Experiment, kann Relevanz für die Entwicklung in der Robotnik, aber auch für Artificial Intelligence haben.

Diese Neigung des Menschen zur Haptik lässt sich beispielsweise bei der Nutzung von Handys oder anderen Devices beobachten: Offenbar drücken viele Nutzer doch immer noch lieber Tasten oder Knöpfe und finden diesen Rest von Haptik befriedigender, als etwas auf dem Touchscreen auszuwählen. Ladengeschäfte setzen darauf, dass die Kunden die Waren in die Hand nehmen und nicht nur in der Vitrine anschauen wollen. Beispiele gibt es auch in der Medizin: In entsprechenden klinischen Studien etwa prüfen Patienten mit Zwangsstörungen Wasserhähne oder Schlösser noch einmal mit den Händen, auch wenn sie wissen, dass sie zu sind.

Ein interdisziplinäre Forscherteam der LMU und der School of Advanced Study (SAS) der Universität London hat das Phänomen nun genauer untersucht. In Nature Scientific Reports zeigen sie, dass wir bei unklarer Informationslage sozusagen mehr auf unsere Fingerspitzen vertrauen als auf unsere Augen.

Ausgangspunkt der Experimente war eine einfache optische Täuschung, bei der zwei Streichhölzer in Form eines umgedrehten T angeordnet waren. Wenn beide Hölzchen die gleiche Länge hatten, erschien stets das vertikale länger als das horizontale; darin lag die Illusion. Die Probanden sollten nun ihre Wahrnehmung testen – bei unterschiedlichen Längen der Hölzchen, mal waren diese fast gleich lang, mal ließ sich der Unterschied klar erkennen. Der Versuchsaufbau war so gewählt, dass die Versuchspersonen die Längen sehen, aber auch ertasten konnten.

Bei jedem Vergleich sollten sie zusätzlich auch angeben, wie sicher sie sich mit ihrem Urteil waren. Das Ergebnis war frappierend: Es gelang ihnen zwar besser, die Längenunterschiede zu sehen, als sie zu ertasten, und erwartungsgemäß waren sie sich dabei auch ziemlich sicher. Je kleiner aber der Längenunterschied zwischen den Hölzern war und die Testpersonen ihn eigentlich nicht mehr erkennen konnten, sondern erraten mussten, desto mehr vertrauten sie dabei ihrem Tastsinn. „Wenn der Kontext nicht eindeutig ist, gibt uns unser Tastsinn offenbar mehr als nur verlässliche Informationen. Er vermittelt uns ein Gefühl der Gewissheit – einen festeren Zugriff auf die Wirklichkeit“, sagt Merle Fairhurst, Assistant Professor am Lehrstuhl für Theory of Mind der LMU und Hauptautorin der Arbeit.

Der Tastsinn ist, wie wir jetzt zeigen können, nicht besser oder genauer als die anderen Sinne, er gibt uns nur ein sichereres Gefühl, dass wir richtig liegen. Descartes hatte recht, als er sagte, dass es beim Tastsinn besonders schwierig ist, ihn anzuzweifeln“, sagt Professor Ophelia Deroy, Inhaberin des Lehrstuhls für Theory of Mind an der LMU und Ko-Autorin der Studie. Die Ergebnisse zeigten nicht nur, wie schwierig es ist, seine eigene Wahrnehmung zu reflektieren, schreiben die Autoren. Sie ließen auch erkennen, wie spezifisch und wichtig das Berühren, das Ertasten, ist, um sich der Welt zu vergewissern.

Spekulativ betrachtet hat diese Erkenntnis Relevanz für die Entwicklung der Kollaboration zwischen Mensch und Maschine. Die Ergebnisse können als Hinweis genommen werden, dass die Haptik für eine erfolgreichen Mensch-Maschine Kommunikation entscheidend sein könnte. Aber auch für Artificial Intelligence, denn wenn die Haptik derart entscheidend ist für die Wahrnehmung und dann in Folge für die Schlußfolgerung, dann liegt es auf der Hand, dass “Fühlen” Teil der AI sein muss. Hier dürfte einer der viuelen Grenzen liegen in der Ähnlichmachung von AI und Mensch.

 

Publikation: Confidence is higher in touch than in vison in cases of perceptual ambiguity, Merle T. Fairhurst, Eoin Travers, Vincent Hayward and Ophelia Deroy
Nature Scientific Reports 2018

 

 

 

(Quelle/Aussender: Ludwig-Maximilians-Universität München)