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Innovation Survey Europa: Europa auf dem Weg ins Museum

2019-02-07T06:47:58+00:007 Februar 2019|Allgemein, Innovation|

Der aktuelle Deloitte Innovation Survey gibt keinen Anlass zur Freude und zeigt einmal mehr die Misere in Europa auf: Es fehlt an Innovationskraft, Mut und strategischer Kompetenz. Deloitte hat 760 Unternehmen in 16 Ländern befragt, um herauszufinden, wie es um die Innovationsfähigkeit in Unternehmen und damit um die Zukunft Europas steht, so der Forschungsanspruch der Umfrage.

Das „alte Europa“ scheint Nachholbedarf zu haben, stellt Deloitte fest. Dieser Befund ist richtig. Europa wird mehr und mehr ein Museum, was sich deutlich ablesen lässt an der schwindenden Investitionsfreude chinesischer Unternehmen in Europa oder die bloß einmalige Erwähnung Europas – und dies im historischen Zusammenhang – in der Rede des US-Präsidenten Trump zur Lage der Nation. Europa ist irrelevant, was man sich nicht mit romantischen Begriffen wie “altes Europa” und “Brückenbauer” schön reden darf.

Aber genau dies macht man bei Deloitte und will in diesem Defizit Europas eine Chance – als “digitaler Brückenbauer” zwischen der analogen und digitalen Welt-  sehen. Ja, kann man. Man kann auch anders: Europa braucht keine Brücken, sondern muss die eigenen Versäumnisse und Defizite anpacken, um bei der Entwicklung nicht nur vorne dabei, sondern tonangebend zu sein. Statt Brücken ist neues Land zu gewinnen. Das ist Zukunftsperspektive. Es geht darum, die Räder und mehr neu zu erfinden. Alles andere wirkt wie ängstlicher Bürokratismus und visionslose Strategeme.

Der Ausgangsbefund von Deloitte ist durchaus zutreffend: “Nicht Daten, sondern Innovationen sind das neue Gold. Wenn man Richtung Silicon Valley oder gen China schaut, scheint es dort durchaus auch den dazugehörigen Goldrausch zu geben. In Europa geht statt eines Innovationsrauschs eher die Angst um, von den großen Innovationsmächten in West und Ost abgehängt worden zu sein.

Europas Unternehmen scheinen ihre berechtigte Angst ernst zu nehmen und so beabsichtigen 88% der Unternehmen in den nächsten zwei Jahren stärker zu investieren. Dieser Befund sieht aber schon weniger optimistischer aus, wenn man andere Studien und Erhebungen gegenlegt. So investieren Unternehmen  in Deutschland zuwenig in Innovation, ja sie haben rund 14 Milliarden Euro an Liquidität dem Bereich Innovation entzogen (2017).

Eindimensionales Verständnis von Innovation

Innovation wird in Europa noch immer nur als Technik buchstabiert und technikgetrieben verstanden, so ein zutreffender Befund von Deloitte. Neue Geschäftsmodelle, Disruption, Plattformökonomien stehen da nicht auf dem Plan. Man kann dies als eindimensionales Verständnis von Innovation bezeichnen. Ein holistischer Zugang zu Innovation scheint nicht zu existieren, wäre aber notwendig und geboten.

So überrascht der Befund von Deloitte nicht: “Im Fokus stehen dabei bisher Data Analytics und Cloud Computing. Hier investieren bereits 69, beziehungsweise 62 Prozent der der befragten Unternehmen. In der Umfrage zeigt sich jedoch ein klarer Trend in Richtung Künstlicher Intelligenz. 42 Prozent der europäischen Unternehmen wollen in den kommenden zwei Jahren KI-Projekte umsetzen. Aber auch Augmented und Virtual Reality, robotergesteuerte Prozessautomatisierung und Blockchain sind wichtige Themen für die Unternehmen.

Unternehmen erkennen dies, aber die Angst und die Unfähigkeit “out-of-the-box” zu agieren und denken, stellt eines der größten Probleme dar. Europas Unternehmen sind in Silo-Denken gefangen und haben das Konzept “Öko-Systeme” (Eco-Systems) nicht verstanden bzw. gewinnt man den Eindruck, nutzen Unternehmen ihre “Eco-Systeme” als billige Werkbänke für Innovation und frischen Wind. Wenn man sich die aktuellen “Öko-Systeme” ansieht, herrscht vorrangig Kleingeisterei und Zauderlichkeit vor. Groß sind da nur die Shows und Events dazu.

Der Befund von Deloitte, dass das Silo-Denken dominiere, erscheint zutreffend: „Die europäischen Unternehmen haben das Potenzial von Ökosystemen für Innovation noch nicht verstanden, geschweige denn umgesetzt“, sagt Nicolai Andersen (Deloitte). So kooperiert bisher nur ein Drittel der Befragten mit Universitäten oder Startups, was wenig wunder nimmt, denn europäische Unternehmen sind hier einfach zu zögerlich und nehmen kaum nennenswerte Beträge in die Hand. Es fehlt an Ernsthaftigkeit und Wagemut.

Und vor allem, so der Eindruck, fehlt es an neutrale Plattformen, welche die herkömmlichen Institutionen und Fachmedien eben nicht bieten können. So muten viele der Eco-Systeme mehr wie Roadshows an, wo Start-ups und Unisabsolventen und Unis hüpfen dürfen. Da geht es mehr darum,  positive Imageabstrahlung einzufahren als tatsächlich Innovationsprozesse einzuleiten und Eco-Systeme aufzubauen.

Rad neu erfinden

Die Empfehlung von Deloitte an die Unternehmen ist kritisch zu hinterfragen: „Wer sein Unternehmenssilo für externe Partner öffnet, erlangt dadurch schnellen, unkomplizierten Zugriff auf zusätzliches Wissen und Ressourcen. Unternehmen, die in ein lebendiges digitales Ökosystem eingebunden sind, müssen nicht ständig das Rad neu erfinden und können so ihre Stärken effektiver nutzen und ihr Potenzial voll entfalten.“ Schnell, unkompoliziert, zusätzliches Wissen…für Peanuts?

Und ja, doch, es geht um die Neuerfindung des Rades, um nichts weniger, muss man da Deloitte entgegnen. Vergleicht man hier die Beträge die Google oder Facebook in die Hand nehmen für ihre Eco-Systems, weiß man was gemeint ist. US-amerikanische und israelische Unternemen haben genau diese Mission&Vision und sind deshalb erfolgreich: Das Rad neu erfinden, die Welt besser machen. Der Ratschlag von Deloitte mag gut für staatliche Einrichtungen sein, die sich seit Monaten damit quälen eine Sprunginnovations-Agentur auf die Piste zu bringen.

Ein weiterer Befund von Deloitte lässt Zweifel ob der Empfehlung von Deloitte aufkommen: „In traditionellen Bereichen steht Europa wirtschaftlich gut da, ist oftmals sogar führend. Die Herausforderung besteht nun darin, nicht den Anschluss an die Digitalisierung zu verlieren“, erklärt Dr. Alexander Börsch. Nein, genau darum geht es nicht. Es geht um Transformation und Disruption, wo die Digitalisierung nur der Hebel, das Instrument ist. Hingegen, Europa hat keinen Bestand als großer mechanischer “Handwerksbetrieb“; der Brückenbau kann da schon aus grundsätzlichen Gründen zum stranded investemt werden.

Das Beispiel von Deloitte illustriert mehr die Misere als die vermeintliche Chance, die eher als intellektuelle und konzeptionelle Sackgasse zu erachten ist, wenn Deloitte ausführt: „In Zukunft geht es zunehmend darum, Brücken zwischen digitalen Technologien und traditionellen Branchen, in denen europäische Firmen stark sind, zu schlagen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Robotics-Industrie, die ihre Wurzeln im klassischen Maschinenbau hat, aber durch die Anwendung digitaler Technologien wie künstlicher Intelligenz einen Schub erfahren hat. In solchen innovationsgetriebenen Transformationsprozessen liegen riesige Chancen für europäische Unternehmen – sie müssen sie nur nutzen.

Man denkt, man braucht auf analoge Prozesse nur Digitalisierung plus Brückenbau aufpflanzen und schon ist man dabei und bennnt es “Transformationsprozess“? Dies ist mitnichten so, denn die Digitalisierung ist die Ablösung – um im Bild zu bleiben – des analogen Rades durch Nullen und Einsen (und auch die werden bald durch den Quantencomputer abgelöst). Es bleibt Mobilität, vielleicht, hat aber nichts mehr mit dem Rad zu tun und da macht eine Brücke auch keinen Sinn , sowenig wie der Ottomotter eine Brücken zwischen dem ersten Feuer und der Atomenergie war.

Vielleicht müssen Unternehmensberater ihre Konzepte und Sprache wie Metapher prüfen, denn mit “Brückenbau”, “Dreiklang” oder “Säulen der Nachhaltigkeit” kommt man konzeptuell nicht wirklich weiter. Vielleicht brauchen auch Unternehmensberatugen einen Innovationsschub?

Fazit: Europa muss Innovation rasch lernen, was die Botschaft dieser Studie ist. Ob sie die richtige Lösungen anbietet, ist eine andere Frage.

 

 

 

 

 

Über den Autor:

Naftali Neugebauer
Herausgeber Glocalist und als Innovationsmanager tätig.

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