Für das Jahr 2060 erwarten Zukunftsforscher einen Paradigmenwechsel beim globalen Energiekonsum: Erstmals wird die Menschheit dann mehr Energie zu Kühlzwecken aufwenden als für das Heizen.

Neue Verfahren wie die magnetische Kühlung könnten die damit verbundene Belastung für Klima und Umwelt minimieren. Forscher der TU Darmstadt und des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) haben die dafür heute in Frage kommenden Materialien auf ihre Eignung untersucht. Ergebnis ihrer Arbeit ist eine erste systematische Materialbibliothek mit wichtigen Kenngrößen, die sie jetzt in der Fachzeitschrift „Advanced Energy Materials“ veröffentlicht haben.

Die Erzeugung künstlicher Kälte mittels konventioneller Gaskompression steht seit rund hundert Jahren für Haushaltsanwendungen zur Verfügung. Die Technologie hat sich in dieser Zeit jedoch kaum verändert. Nach Schätzungen von Experten sind heute circa eine Milliarde darauf basierender Kühlschränke weltweit im Einsatz, Tendenz zunehmend. „Die Kühltechnik gilt mittlerweile als größter Stromverbraucher in den eigenen vier Wänden. Ebenso problematisch ist die Umweltbelastung, die die eingesetzten Kühlmittel mit sich bringen“, beschreibt Dr. Tino Gottschall, Forscher am Hochfeld-Magnetlabor des HZDR, die Motivation der Arbeit.

Zum Herzstück künftiger Kühltechnologien könnte der „magnetokalorische Effekt“ werden: Bestimmte Metalle und Legierungen ändern schlagartig ihre Temperatur, wenn sie einem Magnetfeld ausgesetzt werden. Aus der Forschung sind bereits eine ganze Reihe solcher magnetokalorischer Substanzen bekannt. „Ob sie sich auch für massenhaft verbreitete Haushaltsanwendungen empfehlen, ist jedoch eine andere Frage“, sagt Professor Oliver Gutfleisch vom Fachgebiet Funktionale Materialien der TU Darmstadt.

Zu ihrer Klärung trugen die Wissenschaftler Daten zu Stoffeigenschaften zusammen. Jedoch stießen sie dabei schnell auf Schwierigkeiten. „Besonders überrascht waren wir, dass überhaupt nur wenige Ergebnisse aus direkten Messungen in der Fachliteratur zu finden sind“, berichtet Tino Gottschall. „Meistens wurden diese Kenngrößen lediglich indirekt aus der beobachteten Magnetisierung berechnet. Wir stellten dabei fest, dass die Messbedingungen wie die Stärke und das Profil des angelegten Magnetfelds bis hin zum Messregime nicht miteinander vergleichbar sind – und damit auch nicht die erzielten Ergebnisse.“

Um diese Unstimmigkeiten bei den bisher publizierten Stoffparametern auszuräumen, legten die Forscher ein aufwändiges Messprogramm auf, das die ganze Bandbreite der derzeitig aussichtsreichsten magnetokalorischen Werkstoffe und deren relevante Materialeigenschaften abdeckt. Durch die Kopplung von hochgenauen Messungen und thermodynamischen Betrachtungen konnten die Wissenschaftler aus Dresden und Darmstadt in sich konsistente Stoffdatensätze generieren. Sie präsentieren mit ihrer Arbeit nun einen soliden Grundstock an Daten, der die Auswahl zweckmäßiger Materialien für unterschiedliche Anwendungen zur magnetischen Kühlung erleichtern kann.

Die Eignung eines Materials für die magnetische Kühlung wird letztendlich durch verschiedene Kenngrößen bestimmt. Nur bei einer passenden Kombination dieser Parameter kann das Material mit der bewährten Haushaltskühltechnik konkurrieren. „Die erzielte Temperaturänderung bei Raumtemperatur sollte groß sein und sich gleichzeitig möglichst viel Wärme abführen lassen“, benennt Gottschall die hervorstechendsten Eigenschaften der gesuchten Kühlmaterialien von morgen.

Für einen Einsatz in zukünftigen Massenanwendungen dürfen die Substanzen außerdem keine schädlichen Eigenschaften für Umwelt und Gesundheit mitbringen. „Sie sollten zudem nicht aus Rohstoffen bestehen, die aufgrund ihrer begrenzten Vorkommen und schweren Ersetzbarkeit in Anwendungen als kritisch eingestuft werden“, ergänzt Gutfleisch. „Dieser Gesichtspunkt kommt bei der Gesamtbewertung technologischer Prozesse oftmals noch zu kurz. Eine Fokussierung auf physikalische Parameter reicht heute nicht mehr aus. Insofern ist die magnetische Kühlung auch ein Paradebeispiel für die grundlegende Herausforderung der Energiewende, die ohne einen nachhaltigen Zugriff auf geeignete Materialien nicht umsetzbar sein wird.“

Bei Raumtemperatur heißt der magnetokalorische Maßstab noch Gadolinium. Wird das Seltenerd-Element in ein Magnetfeld von einem Tesla gebracht, können die Wissenschaftler eine Temperaturänderung von fast drei Grad Celsius messen. Die Stärke des für diesen Effekt anzulegenden Magnetfelds entspricht der von leistungsfähigen kommerziellen Dauermagneten, wie sie aus wirtschaftlichen Gründen auch in den neuen magnetokalorischen Kühlschränken zum Einsatz kommen sollen.

Trotz der herausragenden Eigenschaften gelten die Aussichten auf eine Verwendung von Gadolinium zu Kühlzwecken im Haushalt als nicht realistisch. Denn das Element zählt zu jenen Seltenerdmetallen, die langfristig als zu unsicher in der Beschaffung eingestuft werden. Bei gleicher Bauweise könnten Wärmeüberträger aus Eisen-Rhodium-Legierungen die größten Wärmemengen je Kühlzyklus abführen. Doch aufgrund ihres Gehalts am Platingruppenmetall Rhodium gehören sie hinsichtlich ihrer Versorgungssicherheit ebenfalls zu den von der Europäischen Kommission als kritisch eingestuften Rohstoffen.

Doch die Forscher fanden auch Kandidaten, deren Komponenten auf absehbare Zeit problemlos verfügbar und die gleichzeitig vielversprechend leistungsfähig sind: Intermetallische Verbindungen aus den Elementen Lanthan, Eisen, Mangan und Silizium etwa, bei denen Wasserstoff im Kristallgitter eingelagert wurden, können Gadolinium hinsichtlich der dem Kühlraum entziehbaren Wärme sogar übertreffen.

Weitere könnten schon bald folgen: Die Forscher vom HZDR und der TU Darmstadt arbeiten intensiv am Ausbau der Materialpalette für die magnetische Kühlung. Am Hochfeld-Magnetlabor Dresden bereiten die Wissenschaftler neue Versuchsreihen zu Eigenschaften magnetokalorischer Substanzen vor – diesmal in gepulsten Magnetfeldern.

Sender/Quelle: TU-Darmstadt