Gletscherforscher/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben erstmals Satellitenbilder mit ökologischen Messungen kombiniert.

Das Ergebnis: Die Pflanzenwelt erobert durch Gletscherschmelze freigewordene Flächen in kürzester Zeit und verringert so das Risiko von Murenabgängen.

Die österreichischen Gletscher schmelzen immer schneller, was neue Gefahren wie Muren und Gerölllawinen mit sich bringt. Um dieses Risiko besser beurteilen zu können, ist es wesentlich, die Vegetationsentwicklung auf den betroffenen Flächen zu kennen. Denn: Wo das Erdreich von Wurzelwerk durchzogen ist, besteht ein niedrigeres Risiko für Murenabgänge, da die Wurzeln auch bei Regen den Abtrag des Untergrundes verlangsamen.

Wie Forscher/innen des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einer fachübergreifenden Zusammenarbeit nun herausfanden, erobern Pflanzen diese durch Gletscherschmelze freigewordenen Flächen außerordentlich schnell. Das berichtet das Team aktuell in „Nature Scientific Reports“.

Neben ÖAW-Gletscherforscherin Andrea Fischer war an der Studie Thomas Fickert (Universität Passau) für die Vegetationserhebungen beteiligt, die Analyse der Satellitenbilder wurde von Gabriele Bippus (Firma Enveo) durchgeführt und die Glaziologen Gernot Patzelt sowie Günther Groß steuerten ihre Langzeitbeobachtungen bei.

Entwicklung der Pflanzendecke über Jahrhunderte

Der Rückgang der heimischen Gletscher ist seit Jahrzehnten dokumentiert. So hat der Jamtalferner im Tiroler Silvrettagebirge seit 1864 mehr als 53 Prozent seiner Fläche verloren. Durch eine neue Kombination von Satellitendaten und im Gelände erhobener Daten zur Vegetationsentwicklung konnten die Forscher/innen nun noch genauer beobachten, wie sich die Pflanzendecke über die letzten Jahrzehnte entwickelt hat.

Die Studie zeigt, dass die Zahl der unterschiedlichen Pflanzenspezies am Jamtalferner von zehn bis 20 nach nur wenigen Jahren der Eisfreiheit auf bis zu 50 nach einem Jahrhundert anstieg. „Die Pflanzenwelt erobert in relativ kurzer Zeit Flächen zurück, in denen zuvor über Jahrhunderte keine Pflanze gedeihen konnte. Diese Dynamik war uns vorher nicht bekannt“, sagt Erstautorin Andrea Fischer von der ÖAW, die die aktuelle Untersuchung am Tiroler Jamtalferner geleitet hat.

Ko-Autor und Geograph Thomas Fickert ergänzt: „Die Besiedelung der jüngst eisfrei gewordenen Gletschervorfelder scheint heute tatsächlich schneller abzulaufen als nach dem Ende der Kleinen Eiszeit, obwohl sich die heute an der Besiedelung beteiligten Arten und die zugehörigen Besiedelungsprozesse nicht grundlegend von den damaligen unterscheiden.“

Risiken des Klimawandels besser abschätzen

Durch die Gletscherschmelze kommt einerseits Schutt an die Oberfläche, der zuvor unter Eis gelegen ist, zum anderen kommt es auch vermehrt zu Felsstürzen durch die Labilisierung der Felswände in Folge des Gletscherrückgangs. Als indirekte Folge des Klimawandels steigt dadurch also das Risiko für Muren und Gerölllawinen. Weil die nachwachsende Vegetation aber wiederum eine stabilisierende Funktion ausübt, kann sie diese Gefahr vermindern. „Unsere neue Methode, Satellitenbilder und in situ-Erhebungen des Pflanzenwuchses kombiniert zu analysieren, kann helfen, diese Risiken im Alpenraum besser abzuschätzen“, erklärt Fischer.

Sender/Quelle: Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften