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Universität im Nationalsozialismus: NS-Opfer auf dem Seziertisch

2019-05-07T17:35:59+00:007 Mai 2019|Allgemein, Innovation|

Ein nationalsozialistischer Erlass aus dem Jahr 1939 sah vor, dass Anatomische Institute Anspruch auf die Leichen Hingerichteter für die Ausbildung von Medizinstudierenden und zu Forschungszwecken bekommen sollten.

Das Anatomische Institut in Innsbruck erhielt ebenso wie die Einrichtungen in München, Erlangen und Würzburg die Körper von im Gefängnis Stadelheim in München Hingerichteten. Die erhöhte Anzahl von Hinrichtungen unter dem NS-Regime war eine wesentliche Quelle von Körpern für die Anatomie.

Herkunft der Opfer

An das Anatomische Institut in Innsbruck sind zwischen März 1938 und Dezember 1943 insgesamt 199 Körper von Verstorbenen zu Lehr- und Forschungszwecken überführt worden.

Die Hintergründe dieser Einlieferungen sind Gegenstand aktueller Forschungsarbeiten. Der Historiker Herwig Czech von der Medizinischen Universität Wien (Organisationseinheit Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin, Josephinum) und der Anatom Erich Brenner von der Sektion für Klinisch-Funktionelle Anatomie der Medizinischen Universität Innsbruck, haben nun erste Erkenntnisse veröffentlicht. Der Artikel mit dem Titel „Nazi victims on the dissection table“ („NS-Opfer auf dem Seziertisch“) ist im angesehenen Fachblatt „Annals of Anatomy“ erschienen.

Nach unserem Wissensstand können wir festhalten, dass in den Jahren 1938 bis 1943 von den insgesamt 199 Leichen, die an das Anatomische Institut in Innsbruck überführt wurden, mindestens 128 aus nationalsozialistischen Unrechtskontexten stammen“, sagt Herwig Czech.

Die Autoren führen in der Publikation die Herkunft dieser 128 Körper aus: Aus Stadelheim wurden während der NS-Zeit 59 Leichen nach Innsbruck überführt. Darüber hinaus wurden auch die Körper von 39 verstorbenen, sowjetischen Kriegsgefangen nach Innsbruck transportiert, von denen bisher 20 identifiziert werden konnten. Sieben Menschen, die auf Grund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt worden waren, sind ebenfalls in den Registern verzeichnet.

Außerdem werden zwei Personen angeführt, die von einem Innsbrucker Wehrmachts-Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden waren. Ein weiterer Eintrag lässt sich einer von der Gestapo-hingerichteten Person zuordnen. Zudem werden 20 Körper gelistet, die der Psychiatrie in Hall zugeordnet werden können. Dabei handelt es sich nach derzeitigem Kenntnisstand allerdings nicht um Opfer der NS-Euthanasie. Auf Grund eines schweren Bombentreffers im Dezember 1943, bei dem das Institutsgebäude beschädigt wurde, konnten in der Folge keine weiteren Körper aufgenommen werden.

Die Verwendung von NS-Opfern, die während des Krieges unter sehr bedenklichen Umständen an die anatomischen Institute gelangt waren, wurde nach der Befreiung häufig auch von politisch nicht dem Nationalsozialismus nahestehenden Anatomen als unproblematisch gesehen“, erklärt Herwig Czech. Der Historiker von der Medizinischen Universität Wien kann belegen, dass Leichenteile von NS-Opfern in Innsbruck noch bis ins Wintersemester 1956/57 für Anfängersezierkurse in Verwendung waren.

Suche nach noch lebenden Familienangehörigen

Die „Innsbrucker Anatomie“ umfasste bereits vor, während und auch nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Institute: Zum einen das Institut für Anatomie und zum anderen das Institut für Histologie und Entwicklungsgeschichte. Im Zuge der Forschungsarbeiten konnte eine Sammlung von mehr als 200 histologischen Schnitten vom damaligen „Institut für Histologie und Entwicklungsgeschichte“ eruiert werden, welche von fünf Menschen stammen, die unter dem NS-Regime hingerichtet wurden. „Wir wissen zudem von mindestens einem weiteren Präparat, das sich in der Sammlung der Anatomie befindet und ebenfalls von einem NS-Opfer stammt“, erklärt Erich Brenner. Ein sensibler Umgang mit den Ergebnissen ist für alle Beteiligten sehr wichtig. So ist beabsichtigt, etwaige Gedenkaktivitäten in Absprache mit eventuell noch lebenden Familienangehörigen zu organisieren.

Umgang mit der Geschichte

Sowohl die Aufarbeitung und Aufklärung der Geschichte der Anatomie als auch ein würdevoller Umgang mit den Ergebnissen ist für die Direktorin der Sektion für Klinisch-Funktionelle Anatomie Innsbruck, Helga Fritsch, sehr wichtig: „Wir können das in der NS-Zeit begangene, verwerfliche Verhalten nicht mehr ungeschehen machen. Es ist mir persönlich ein Anliegen, dass wir einen Beitrag zur Aufklärung leisten und NS-Opfern ihre Geschichte zurückgeben. Darüber hinaus werden wir auch ein nachhaltiges öffentliches Signal setzen.“ Mit der jüdischen Kultusgemeinde und dem russischen Konsulat findet ein Austausch statt, um eine adäquate Gedenkmöglichkeit zu finden.

 

 

 

 

 

 

(Quelle: Medizinische Universität Innsbruck/Bullock)

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