Durch die Gründung des Institute for Business Ethics and Sustainable Strategy (IBES) entsteht in Wien ein international sichtbares Forschungsinstitut, das sich wissenschaftlich mit dem Thema der nachhaltigen und verantwortungsvollen Unternehmensführung befasst“, erfährt man in der aktuellen Pressemitteilung.

Die Sichtbarkeit muss freilich erst noch eingelöst und geschaffen werden, aber es wird sicher den doch eher kleinen Kreis an interessierten Unternehmen perspektivisch erreichen und man wird sicher ein gern gesehener Dauergast an den vielen runden Tischen sein.

Wenig überrraschend der korporatistische Hintergrund des IBES, der typisch ist für die österreichische Nachhaltigkeitsszene, die recht sauber entlang der Sozialpartnerlinien geordnet ist.

Ob hier Innovation und scharfe Kante zu erwarten sind, wird sich weisen, scheint aber wenig wahrscheinlich. Wer die bisherige österreichische Praxis kennt, darf nicht allzu viel erwarten in Sachen Disruption, klare Kante und Innovation. Alles andere wäre eine positive und auch dringend notwendige Überraschung.

Im Fall vom IBES ist es die WKW und einige wohlbekannte österreichische Unternehmen, wie Manner, Kapsch oder Blaguss. So liest man die eigene Verortung im sozialpartnerschaftlichen Kosmos Österreichs: “Mit IBES bündelt und erweitert die FHWien der WKW ihre bestens etablierten Forschungskapazitäten in den Bereichen strategisches Nachhaltigkeitsmanagement und Wirtschaftsethik.”

Natürlich gehört es zum Couperto, dass man die eigene Unabhängigkeit, Wissenschaftlichkeit und Objektivität in Anspruch nimmt, wie man sich umgekehrt kein Institut vorstellen kann, das sagt, ja wir sind abhängig, unwissenschaftlich und haben einen bias. Kooperationspartner wie Harvard Business School, INSEAD und die Universität St. Gallen machen jenen Anspruch plausibel.

Das IBES fokusiert auf Lehre und Forschung und will diese praxisorientiert aufstellen: “Unternehmen sind heute nur dann nachhaltig erfolgreich, wenn sie die Herausforderungen durch die gegenwertigen Megatrends wie Digitalisierung, Klimawandel und Pandemien frühzeitig antizipieren und erfolgreich managen können. Zu diesem Zweck benötigen sie praxisorientierte Analysen, Prognosen, Guidelines und gut ausgebildetes Personal.

Auf der Website von IBES liest man weiter: “Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den Bereichen „Business Ethics“, „Corporate Governance“, „Strategy & Competitiveness“ und „Sustainability Management“. Das Institute for Business Ethics and Sustainable Strategy trägt mit seiner Arbeit zu einer verantwortungsvollen und nachhaltigen Transformation der Unternehmenspraxis bei.”

Hier lobt sich das IBES, was völlig legitim ist, durch die Themensetzung implizit als der neue Partner für die Wirtschaft und Regierung aus. Freilich, die angesprochenen Megatrends nehmen sich etwas defensiv mithin überholt aus, denn sie formulieren altbekannte Schlagworte, die heute mehr Defizite benennen als Megatrends von morgen darstellen.

Stellt man diese als Megatrends vor, hat man die zukünftige Entwicklungen, sprich Trends, eigentlich schon verpasst und ist weit zurück. Digitalisierung beispielsweise wäre vor 30 Jahren als Megatrend zu bezeichnen gewesen. Heute ist es bestenfalls state of the art, den Europa leider verschlafen hat. Und AI wie Big Data stellen weit mehr als nur eine bloße Digitalisierung dar und sind wahrlich auch keine Trends mehr, sondern etablierte Realität der Plattformökonomie.

Weder Digitalisierung noch Klimawandel sind ein Trend, sondern seit einigen Jahrzehnten Fakten und Rahmenbedingung, die aber man weder in Österreich noch Europa allgemein bisher sonderlich erfolgreich matchte.

WiIll man über Megatrends sprechen, dann müsste man schon andere Key- und Buzzwords bemühen, wie Quantenökonomie&computing, Nano-Materialwirtschaft, Astromining&Kolonialisierung Weltraum bis hin zum gerade stattfindenen biological turn in der globalen Wirtschaft und Forschung. Da sollte man doch vielleicht sich am SLAC, Technion, Weizmann, DARPA, Elon Musk oder Google&Co orientieren, die tatsächlich den global beat angeben.

Bei der Schwerpunktsetzung sucht man vergebens Worte wie Disruption oder Innovation, die auch tatsächlich schwer einhergehen mit der Idee einer ruhigen und geordneten Transformation. Das ist mehr ein sozialpartnerschaftlicher Wunsch, entspricht aber nur wenig der globalen Realität, die doch durch Disruption, radikalen Umbrüchen und Innovation gekennzeichnet ist.

Gründer und Leiter des IBES ist Prof. Dr. Markus Scholz, dem besonders die ethische Dimension am Herzen liegen dürfte, weist einen reputierlichen Lebenslauf auf. Nach Angaben auf der Website “...studierte (er) Betriebs- und Volkswirtschaftslehre sowie Philosophie an der Leibniz Universität Hannover und an der London School of Economics and Political Science. Seine bisherigen akademischen Positionen führten ihn u.a. an das Centre for Philosophy of Natural and Social Science an der London School of Economics und an das Zicklin Center for Business Ethics Research an der Wharton Business School, an dem er als Senior Fellow tätig war (2013–2017). Von 2016 bis 2017 führte Professor Scholz als europäischer Chairman das von der Harvard Business School organisierte Microeconomics-of-Competitiveness-Netzwerk. Neben weiteren nationalen und internationalen Positionen in Lehre und Forschung ist er Adjunct Professor und Visiting Scholar am INSEAD Hoffmann Global Institute for Business and Society und europäischer Botschafter der Initiative „Giving Voice to Values“.” Blickt man dann in das Netzwerk des IBES und die diversen Kooperationen, dann wird rasch klar, dass sich das IBES vorwiegend rund um das Netzwerk von Scholz strukturiert bzw. wohl von ihm eingebracht worden ist, was nun weder verwerflich noch abträglich ist.

Das IBES macht im österreichischen wie europäischen Kontext perfekt Sinn und wird ohne Zweifel seinen Platz – an den runden Tischen, in den verschiedenen Vorstandsetagen, professoralen Mainstream, staatlichen Fördertöpfen und Sozialpartnergremien – einnehmen. Besonders für Fragen der Wirtschaftsethik, wo so und so ein eher getragener Ton im Dreiklang Kant, Christentum und Popper dominiert.

Dafür ist das IBES hervorragend aufgestellt und wird sicher Erfolg haben. Erfolg braucht man von daher nicht wünschen, denn das IBES wird ihn ohne Zweifel haben. Nur mit den Trends von morgen hat dies mutmaßlich recht wenig zu tun. Die finden wie gewohnt woanders statt; in den USA, in Israel, China und Indien. Aber nicht mehr in Europa.