EVN AG will jährlich rund eine Milliarde Euro in Netze, Windkraft und Speicher pumpen. Österreichs Modell unterscheidet sich klar vom US-Ansatz mit exklusiven Stromverträgen wie beim RWE-Oracle-Deal.
In Niederösterreich rollen die Bagger, während in den USA Tech-Konzerne wie Oracle mit RWE exklusive Windstrom-Deals abschließen. Die EVN AG geht einen anderen Weg. Bis 2030 will der Versorger jedes Jahr rund eine Milliarde Euro in Netze, erneuerbare Erzeugung und Batteriespeicher stecken. Exklusive Lieferverträge für einzelne Industriekunden bleiben außen vor.
Die Internationale Energieagentur rechnet für die EU zwischen 2026 und 2030 mit einem jährlichen Strombedarf-Plus von 2,3 Prozent. Das summiert sich auf 300 Terawattstunden in fünf Jahren. Elektroautos, Wärmepumpen und Rechenzentren treiben die Nachfrage. Allein E-Autos könnten bis 2030 mehr als 100 Terawattstunden zusätzlich schlucken. Die Infrastruktur muss nicht nur mehr Strom liefern, sondern auch wetterabhängige Quellen wie Wind und Sonne einbinden.
Vier Fünftel der EVN-Investitionen fließen nach Niederösterreich. Im laufenden Geschäftsjahr hat der Konzern in neun Monaten schon über eine halbe Milliarde Euro verbaut. Der Schwerpunkt liegt auf Netzausbau. Die Netz Niederösterreich plant dieses Jahr rund 520 Millionen Euro für neue Umspannwerke, Trafostationen und Mittel- sowie Niederspannungskabel. Bis 2034 sollen etwa 55 Umspannwerke neu entstehen oder ersetzt werden. Dazu kommen jährlich rund 700 Trafostationen und 1.000 Kilometer neue Kabel.
Windkraft und Speicher stehen im Fokus. Anfang 2026 schwankte die Windstromerzeugung im Netzgebiet der Netz Niederösterreich innerhalb weniger Stunden von 1.800 Megawatt auf null. Der Stromverbrauch lag in Spitzenzeiten bei 1.600 Megawatt. Diese Lücke zeigt, wie wichtig starke Netze und Speicher sind. Die EVN will ihre Batteriespeicherleistung bis 2030 auf 300 Megawatt ausbauen. Die Windkraftkapazität soll von 570 auf 770 Megawatt steigen. Beim Photovoltaik-Ausbau liegt das Ziel bei 300 Megawattpeak.
Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht die unzureichende Netzkapazität als kritisches Nadelöhr: Über 2.500 Gigawatt an Projekten für Erzeugung, Speicherung und Großverbraucher warten weltweit auf Netzanschluss.
Die jüngsten Windkraft-Ausbauschritte haben die EVN-Kapazität auf 570 Megawatt gehoben. Bis 2030 soll der österreichische Strombedarf bilanziell komplett aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. Dafür braucht es weitere Projekte. Die EVN verzichtet bewusst auf exklusive Stromlieferverträge für einzelne Industrie- oder Tech-Konzerne. Stattdessen setzt sie auf breiten Netzausbau.
In den USA läuft das anders. RWE hat mit Oracle einen virtuellen Stromabnahmevertrag über 433 Megawatt aus texanischen Windparks abgeschlossen. Solche Verträge sichern Unternehmen wie Oracle langfristig erneuerbaren Strom für Rechenzentren. Die EVN will dagegen die Infrastruktur für den gesamten Standort stärken, nicht nur für einzelne Großkunden.
Auch in der Lausitz investiert Leag über eine Milliarde Euro in Windparks, Solarparks und einen Batteriespeicher mit 1.000 Megawatt Leistung, wie frühere Berichte zeigen. Die Modelle unterscheiden sich deutlich. Eine universelle Lösung für die Stromwende gibt es nicht.
Für Unternehmen zählt nicht nur die installierte Kapazität, sondern ob Strom dann verfügbar ist, wenn er gebraucht wird. Wind- und Photovoltaikanlagen, Netze und Speicher erfüllen jeweils eigene Aufgaben. Erst ihr Zusammenspiel macht das System flexibel genug für steigenden Verbrauch und wetterabhängige Erzeugung.
Mit dem Investitionsprogramm positioniert sich die EVN als Schlüsselfigur beim Umbau des österreichischen Energiesystems. Die Entscheidung gegen exklusive Lieferverträge und für breiten Netzausbau markiert einen klaren Unterschied zu internationalen Modellen. Im europäischen Strommarkt zählt nicht allein die produzierte Energiemenge, sondern die Fähigkeit, Erzeugung, Netze und Speicher flexibel zu verbinden. Für Österreich wird eine starke Strominfrastruktur zum harten Wettbewerbsfaktor. Für die EVN AG bleibt der Netzausbau die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre.
Das Stromnetz verbindet Erzeuger, Speicher und Verbraucher über verschiedene Spannungsebenen. Seine Leistungsfähigkeit entscheidet, wie viel Strom transportiert werden kann. Engpässe oder fehlende Flexibilität führen dazu, dass erneuerbare Energie nicht voll genutzt wird oder die Versorgungssicherheit wackelt. Investitionen in Netzausbau und Speicher sind nötig, um die Energiewende zu stemmen und wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. Die Bundesnetzagentur fordert in ihren aktuellen Veröffentlichungen, die Netzkapazitäten mit dem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien und der Digitalisierung gemäß DIN EN 50160 und den europäischen Netzcodes laufend zu erhöhen. Details zu regulatorischen Vorgaben und aktuellen Projekten stehen in der Netzausbauübersicht der Bundesnetzagentur.