Visa stellt ein neues Modell für Onchain-Kredite vor und verbindet erstmals eigene Zahlungsdaten mit Blockchain-Infrastruktur. Was das für Fintechs und den Zugang zu Betriebskapital bedeutet bleibt offen
Visa hat ein neues Modell für die Vergabe von Onchain-Krediten angekündigt, das die Grenzen zwischen klassischer Zahlungsabwicklung und Blockchain-Technologie weiter aufweicht. Im Zentrum steht die Verknüpfung von VisaNet-Abrechnungsdaten mit Onchain-Kreditinfrastruktur, um Fintech-Unternehmen und Stablecoin-basierte Kartenprogramme beim Zugang zu Betriebskapital zu unterstützen. Die Ankündigung erfolgte im Juni 2026 und ist Teil einer breiteren Strategie, Stablecoins stärker in den regulären Zahlungsverkehr einzubinden.
Technische Umsetzung und Pilotprojekte
Das neue Modell basiert darauf, dass Kreditgeber mit Zustimmung der Kunden sowohl auf Visa-Abrechnungsdaten als auch auf Blockchain-Transaktionsdaten zugreifen können. Dadurch sollen Kreditentscheidungen transparenter und automatisierter werden. Ein frühes Beispiel ist die Zusammenarbeit von Visa mit Credit Coop: Hier werden Smart Contracts eingesetzt, um die Finanzierung, Verwaltung von Sicherheiten und Rückzahlung vollständig programmierbar auf der Blockchain abzuwickeln. Nach Angaben der beteiligten Unternehmen wurden seit 2023 über dieses Modell mehr als 2,5 Milliarden US-Dollar an Betriebskapital bereitgestellt. Die Rückzahlungen erfolgen automatisiert aus den Zahlungsströmen der Kartenprogramme, wobei bislang keine Zahlungsausfälle gemeldet wurden.
Die technische Infrastruktur ermöglicht es, Kreditaufnahmen und Rückzahlungen direkt auf der Blockchain zu dokumentieren. Nach Unternehmensangaben wurden bislang mehr als 3.000 Kredite und 9.000 Rückzahlungen programmatisch abgewickelt. Die Transparenz der Transaktionen soll das Vertrauen zwischen Kreditgebern und Fintechs erhöhen, bleibt aber auf die teilnehmenden Programme beschränkt.
Marktdaten und wirtschaftliche Bedeutung
Onchain-Kredite, die auf Stablecoins lauten, haben sich laut Visa zu einem der am schnellsten wachsenden Segmente der digitalen Finanzwirtschaft entwickelt. Seit 2020 wurden nach Angaben des Visa Onchain Analytics Dashboard Kredite im Wert von mehr als 694 Milliarden US-Dollar über Onchain-Protokolle vergeben. Dennoch konzentrieren sich diese Aktivitäten bislang überwiegend auf den Kryptomarkt und haben den Zugang zu Betriebskapital für Unternehmen außerhalb dieses Sektors nur begrenzt erleichtert.
Im Visa-Netzwerk sind derzeit mehr als 160 Stablecoin-gebundene Kartenprogramme aktiv. Das Zahlungsvolumen dieser Programme ist nach Unternehmensangaben im Jahresvergleich um fast 200 Prozent gestiegen. Das Abwicklungsvolumen von Stablecoin-Transaktionen bei Visa erreichte zuletzt eine annualisierte Run Rate von 20 Milliarden US-Dollar, was einem mehr als 15-fachen Anstieg gegenüber dem Vorjahr entspricht. Unabhängige Prüfungen dieser Zahlen liegen bislang nicht vor.
Herausforderungen und offene Fragen
Für viele Fintechs und Zahlungsdienstleister bleibt die Beschaffung von Betriebskapital trotz technischer Fortschritte eine Hürde. Klassische Kreditstrukturen setzen oft eine längere Unternehmenshistorie oder manuelle Bonitätsprüfungen voraus. Visa sieht in der Kombination von Blockchain-Technologie und eigenen Zahlungsdaten einen Weg, diese Hürden zu senken und die Kreditvergabe effizienter zu gestalten. Allerdings ist unklar, wie weit die Integration tatsächlich reicht und ob die neuen Modelle regulatorisch in allen Märkten akzeptiert werden.
Die Transparenz der Onchain-Kreditvergabe hängt maßgeblich davon ab, welche Daten Kreditgeber tatsächlich einsehen können und wie automatisiert die Prozesse ablaufen. Die bisherige Umsetzung beschränkt sich auf ausgewählte Pilotprojekte und spezialisierte Programme. Ob sich das Modell auf breiter Front durchsetzen kann, bleibt angesichts regulatorischer Unsicherheiten und fehlender unabhängiger Evaluation offen. Für den deutschen und europäischen Markt ist zudem entscheidend, wie Datenschutz und Compliance-Anforderungen umgesetzt werden.
Strategische Einordnung und Ausblick
Mit der neuen Initiative positioniert sich Visa als Brückenbauer zwischen traditionellem Zahlungsverkehr und Blockchain-basierten Finanzdienstleistungen. Die Integration von Stablecoins und Onchain-Krediten in bestehende Kartenprogramme könnte mittelfristig neue Liquiditätsquellen für Fintechs erschließen. Gleichzeitig bleibt die Abhängigkeit von VisaNet und die Kontrolle über die Datenflüsse ein zentrales Thema für alle Beteiligten.
Die Ankündigung ist Teil einer umfassenden Stablecoin-Strategie, zu der auch die Visa Stablecoin Platform gehört. Ziel ist es, Stablecoin-Transaktionen nicht nur technisch, sondern auch regulatorisch und wirtschaftlich in den Alltag zu integrieren. Ob dies gelingt, hängt von der Akzeptanz bei Kreditgebern, Fintechs und Aufsichtsbehörden ab. Die bisherigen Zahlen zeigen ein dynamisches Wachstum, doch der tatsächliche Nutzen für den breiten Markt ist noch nicht abschließend belegt. Die Entwicklung bleibt ein Testfall für die Verbindung von Blockchain-Infrastruktur und etablierten Zahlungsnetzwerken.
Stablecoins sind digitale Währungen, deren Wert an klassische Währungen wie den US-Dollar oder den Euro gekoppelt ist. Sie werden häufig auf Blockchains ausgegeben und sollen die Vorteile digitaler Transaktionen mit der Stabilität traditioneller Währungen verbinden. Im Unterschied zu klassischen Kryptowährungen wie Bitcoin schwanken Stablecoins in ihrem Wert kaum, was sie für den Zahlungsverkehr und die Kreditvergabe attraktiver macht. Die regulatorische Einordnung von Stablecoins ist international unterschiedlich und bleibt ein zentrales Thema für Anbieter und Nutzer.Schlagwörter: Fintech-Plattformen, Visa, Stablecoins