Das Start-up Aerospacelab soll für das EU-Projekt Iris2 bis zu 264 Satelliten liefern. Das Vorhaben soll Europas digitale Souveränität stärken, bleibt aber mit Unsicherheiten behaftet
Die Europäische Kommission hat einen weiteren Schritt zur Umsetzung des Satellitenprojekts Iris2 angekündigt. Ziel des Programms ist es, eine unabhängige europäische Satelliteninfrastruktur für sichere Internetverbindungen zu schaffen, die insbesondere für staatliche Stellen, Militär und Geheimdienste relevant sein soll. Iris2 wird als strategische Antwort auf die wachsende Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern wie Starlink betrachtet. Nach längeren Verzögerungen hat die EU-Kommission nun Details zur industriellen Umsetzung veröffentlicht.
Auftragsvergabe an Aerospacelab
Nach Angaben mehrerer mit dem Projekt vertrauter Personen wird das belgische Start-up Aerospacelab beauftragt, bis zu 264 der insgesamt 348 geplanten Satelliten für Iris2 zu fertigen. Das Unternehmen wurde erst 2018 gegründet und steht damit vor der Herausforderung, eine große Zahl technisch anspruchsvoller Satelliten für den Einsatz in niedrigen Erdumlaufbahnen (LEO) in kurzer Zeit zu liefern. Der Auftragswert für Aerospacelab beträgt mindestens 1,8 Milliarden Euro. Die Vergabe an ein junges Unternehmen in einem sicherheitskritischen Bereich ist für europäische Raumfahrtprojekte bislang ungewöhnlich.
Finanzierung und Kostenentwicklung
Das Gesamtbudget für Iris2 liegt laut aktuellen Angaben bei 15,6 Milliarden Euro. Damit sind die Kosten deutlich höher als ursprünglich geplant - vor zwei Jahren wurde noch mit rund 10,5 Milliarden Euro kalkuliert. Die Finanzierung erfolgt aus EU-Mitteln sowie Beiträgen der Mitgliedstaaten. Die Gründe für die Kostensteigerung liegen unter anderem in gestiegenen Anforderungen an Sicherheit und technologische Leistungsfähigkeit. Die wirtschaftlichen Auswirkungen für die europäische Raumfahrtindustrie sind erheblich, da erstmals ein Start-up eine Schlüsselrolle bei einem Großprojekt übernimmt.
Offene Fragen und europäischer Kontext
Viele technische und organisatorische Details zu Iris2 sind bislang nicht öffentlich gemacht worden. Unklar bleibt etwa, wie die Integration der verschiedenen Satellitenhersteller erfolgen soll und welche Standards für Interoperabilität und Sicherheit gelten. Auch der Zeitplan für den Start der ersten Satelliten ist noch nicht abschließend bestätigt. Die Entwicklung von Iris2 steht im Kontext europäischer Bemühungen, die digitale Souveränität zu stärken und kritische Infrastrukturen unabhängiger von außereuropäischen Anbietern zu machen. Ähnliche Herausforderungen bei der Finanzierung und Umsetzung großer Infrastrukturprojekte zeigen sich auch in anderen Sektoren, wie etwa beim Ausbau erneuerbarer Energien - ein Beispiel dafür ist der Solarpark Kolitzheim-Herlheim in Bayern.
Der Begriff "digitale Souveränität" bezeichnet die Fähigkeit von Staaten oder Regionen, zentrale digitale Infrastrukturen und Dienste unabhängig von externen Anbietern zu betreiben und zu kontrollieren. Im Kontext von Iris2 bedeutet dies, dass Europa eigene Kommunikations- und Datenübertragungswege im All aufbauen will, um Abhängigkeiten von Unternehmen wie Starlink zu reduzieren. Digitale Souveränität umfasst dabei nicht nur technische, sondern auch rechtliche und wirtschaftliche Aspekte, etwa beim Datenschutz, bei der Kontrolle über Datenflüsse und bei der Vergabe von Aufträgen an europäische Unternehmen.