Fünf Schüler holen sich bei DHDL eine 1,2-Millionen-Euro-Bewertung für ihr Indoor-Gardening-Startup - ohne Umsatz, ohne Markterfahrung. Wie kam es dazu, und was sagt das über den Markt?
Ein Startup ohne Umsatz, aber mit einer Bewertung von 1,2 Millionen Euro: Das gab es bei der aktuellen Folge von "Die Höhle der Löwen". Fünf Abiturienten stellten CompactGreens vor, ein modulares Indoor-Gardening-System. Sie bekamen direkt zwei Angebote zu ihren Wunschkonditionen. Die Investoren verzichteten auf Verhandlungen. Das wirft Fragen auf: Nach welchen Maßstäben wird hier bewertet? Welche Annahmen stecken dahinter?
Bewertung ohne Markterfahrung
CompactGreens kommt von fünf Schülern aus Baiersdorf. Sie haben das Produkt noch während der Schulzeit entwickelt. Das System ist eine modulare, vertikale Pflanzwand für Küchen und Wohnräume. Es soll Kräuter und Salate das ganze Jahr über drinnen wachsen lassen. Laut Show-Profil wurde das Startup am 21.09.2026 erstmals vorgestellt. Die Gründer forderten 180.000 Euro für 15 Prozent der Anteile. Die Bewertung lag laut Unterlagen bei 1.020.000 Euro. In der Sendung wurde sogar eine Bewertung von 1,2 Millionen Euro genannt. Das zeigt, wie unsicher und schwankend solche Frühphasenbewertungen sind.
Die Gründer - Max Lauterbach, Simon Zitzmann, Jonas Frank, Nick Werneck und Niklas Gabriel - wollten Kapital für Marketing und Vertrieb. Sie begründeten die Bewertung mit Team, Umsatzpotenzial und geistigem Eigentum. Umsatz gab es aber bisher keinen. Die Zahl von 170 "Kaufanfragen" blieb unklar: Waren das feste Bestellungen, Vorbestellungen mit Anzahlung oder nur Interessensbekundungen? Das wurde nicht gesagt. Selbst wenn alle Anfragen zu Käufen führen, käme man auf rund 51.000 Euro Umsatz - weit weg von der angesetzten Bewertung.
Vergleich mit etablierten Startups
Die hohe Bewertung für CompactGreens steht im Kontrast zu anderen Gründern mit echten Umsätzen und Markterfahrung. In derselben Staffel stellte eine Gründerin ein maßgefertigtes BH-Produkt vor. Sie hatte über 1.100 Kundinnen, 90.000 Euro Umsatz und eine sehr niedrige Retourenquote. Trotzdem wurde ihr Unternehmen nur mit 666.666 Euro bewertet - und das trotz klarer Marktdaten und wiederkehrender Kundschaft.
Nach der Ausstrahlung am 21.09.2026 wurde zunächst eine Investition von 180.000 Euro für 15 Prozent mit Dagmar Wöhrl kommuniziert. Bereits am Folgetag bestätigte Max Lauterbach jedoch, dass die Investition in der ursprünglich vereinbarten Form nicht umgesetzt wird; das Team bleibt aber im Austausch mit dem Investor und erhält weiterhin Coaching.
Im Indoor-Gardening-Markt sind schon größere Firmen gescheitert. Miele stellte den Plantcube nach der Übernahme von Agrilution wieder ein. Das Geschäftsmodell rechnete sich nicht. Auch das einstige Vorzeige-Startup Infarm hinterließ hohe Schulden. Die Probleme des Marktes - hoher Einstiegspreis, wenig Folgegeschäft, saisonale Nachfrage - kamen im Pitch von CompactGreens nicht zur Sprache. Die Bundesnetzagentur weist in aktuellen Veröffentlichungen immer wieder auf die Bedeutung von Energieeffizienz und Ressourcenschonung bei neuen Haushaltsgeräten hin. Das könnte für die Skalierung solcher Systeme bald auch regulatorisch wichtig werden. Mehr zu Energieverbrauchskennzeichnungen und Effizienzstandards gibt es im Portal der Bundesnetzagentur.
Vorannahmen und Bias bei der Bewertung
Die Reaktionen der Investoren auf CompactGreens zeigen: Emotionen und bestimmte Gründerprofile spielen offenbar eine Rolle. Die Gründergruppe entsprach dem bekannten Muster: jung, männlich, weiß. Studien belegen, dass Teams mit diesen Merkmalen im Schnitt höhere Finanzierungen bekommen - obwohl Startups mit Gründerinnen nachweislich effizienter wirtschaften. Die Bewertung von CompactGreens wurde nicht kritisch hinterfragt. Bei anderen Teams mit belegbaren Erfolgen wurde viel härter verhandelt.
Auch der Vergleich mit Waterdrop passt nicht: Waterdrop hatte beim Pitch schon 670.000 Euro Umsatz und war in einer ganz anderen Phase. Die Gleichsetzung hält nicht stand. Dass die Investoren auf kritische Nachfragen verzichteten, lässt sich mit nüchternen Bewertungsmaßstäben kaum erklären.
Wirtschaftliche Tragfähigkeit bleibt offen
Ob das CompactGreens-System wirtschaftlich ist, ist offen. Der Einstiegspreis liegt zwischen 250 und 350 Euro. Die Ersparnis pro Salat beträgt laut Gründern 73 Cent. Kunden müssten also mehrere hundert Salate selbst anbauen, um die Investition wieder reinzuholen. Das Geschäftsmodell setzt auf Folgegeschäft mit Setzlingen. Ob das funktioniert, ist bisher nicht belegt. Unabhängige Medien berichten, dass das Produkt schon im eigenen Online-Shop erhältlich ist. Das zeigt: Nach der TV-Präsentation gab es schnell erste Verkäufe.
Dass die Investoren auf eine kritische Prüfung der Bewertung verzichtet haben, wirft Fragen zur Objektivität im Auswahlprozess auf. Die Erfahrung zeigt: Emotionen und Gründerprofile können Finanzierungsentscheidungen stark beeinflussen. Für CompactGreens wird entscheidend sein, ob das Produkt sich im echten Markt behaupten kann. Ob das Geschäftsmodell wirklich trägt, zeigt sich erst im Alltag.
Eine Unternehmensbewertung schätzt den wirtschaftlichen Wert eines Startups oder Unternehmens. Sie hängt ab von Umsatz, Gewinn, Wachstumsaussichten, Team, geistigem Eigentum und Marktumfeld. In frühen Phasen ohne Umsatz oder Markterfahrung ist die Bewertung besonders unsicher und hängt stark von Annahmen über die Zukunft ab. Investoren wägen Chancen und Risiken ab. Emotionen und persönliche Vorlieben spielen dabei oft eine größere Rolle als in späteren, datenbasierten Finanzierungsrunden.