• 6 Minuten Lesezeit
  • Veröffentlicht

Europäische Hardware-Start-ups setzen auf Kreislaufwirtschaft und neue Batterietechnik

Helga Nowotny Autorin für Wissenschaftspolitik und KI Glocalist Press

Verfasst von Helga Nowotny

Europäische Hardware-Start-ups setzen auf Kreislaufwirtschaft und neue Batterietechnik Glocalist Press © glocalist.press
Europäische Hardware-Start-ups setzen auf Kreislaufwirtschaft und neue Batterietechnik © glocalist.press

Auf der IFA 2026 zeigen Unternehmen wie LeydenJar und Repartly, wie europäische Start-ups mit neuen Ansätzen für Batterien, Reparatur und digitale Gesundheit auf internationale Konkurrenz reagieren

Während asiatische Aussteller auf der IFA 2026 in Berlin die größten Flächen belegen, bleibt die Präsenz europäischer Hardware-Start-ups auffällig begrenzt. Dennoch gelingt es einigen Unternehmen, mit konkreten Produktentwicklungen und neuen Geschäftsmodellen Aufmerksamkeit zu erzielen - auch wenn sie bei den offiziellen Innovationsauszeichnungen kaum vertreten sind.

Technologie aus Europa im internationalen Vergleich

Im Wettbewerb um die Auszeichnung "Best in IFA Next & Emerging Technologies" 2026 finden sich unter den zehn Gewinnern und zwanzig Geehrten nach aktuellem Stand keine europäischen Unternehmen. Die einzige Ausnahme ist ZENOWELL, das für ein Wearable zur Vagusnerv-Stimulation geehrt wurde. Das Unternehmen verweist auf Ursprünge an der Universität Heidelberg, bleibt aber mit seiner internationalen Ausrichtung ein Sonderfall. Viele europäische Start-ups entscheiden sich offenbar, ihre Produkte und Innovationen eher auf internationalen Leitmessen wie der CES in Las Vegas zu präsentieren, statt auf der IFA in Berlin. Die Gründe reichen von der stärkeren globalen Sichtbarkeit bis zu gezielten Markteintrittsstrategien.

Die geringe Sichtbarkeit europäischer Hardware-Innovationen auf der IFA steht im Kontrast zu den Investitionszahlen, die etwa im ersten Halbjahr 2026 für schwedische Technologieunternehmen berichtet wurden, wie frühere Analysen zeigen. Während in Skandinavien große Finanzierungsrunden für Tech-Firmen dokumentiert sind, bleibt die Hardware-Szene in Deutschland und Kontinentaleuropa auf der IFA vergleichsweise zurückhaltend.

Reparaturplattformen und Kreislaufmodelle

Mit Repartly aus Rietberg in Nordrhein-Westfalen präsentiert sich ein Start-up, das die Kreislaufwirtschaft im Bereich Haushaltsgeräte vorantreibt. Das Unternehmen betreibt eine digitale Plattform, die Reparatur, Ersatzteilbeschaffung und technische Unterstützung für Waschmaschinen, Trockner und Küchengeräte kombiniert. Kundinnen und Kunden können defekte Elektronikbauteile einsenden, die nach der Reparatur zurückgeschickt werden. Alternativ stehen zertifizierte, generalüberholte Ersatzteile zur Verfügung. Repartly richtet sich nicht nur an Endverbraucher, sondern auch an Hersteller, Händler und Recyclingunternehmen, um gebrauchte Komponenten wieder in den Markt zu bringen. Nach eigenen Angaben wurden bereits über 11.000 Kunden bedient. Automatisierte Prozesse und der Einsatz kollaborativer Roboter sollen die Durchlaufzeiten verkürzen. Ergänzend dazu bieten Unternehmen wie koorvi und FixFirst digitale Infrastruktur für Wiederverkauf und Reparaturmanagement an, um die Lebensdauer von Geräten zu verlängern und Elektroschrott zu reduzieren.

Diese Ansätze greifen die Forderungen der europäischen "Right-to-Repair"-Bewegung auf, die eine längere Nutzungsdauer und bessere Reparierbarkeit von Konsumgütern fordert. Die tatsächliche Marktdurchdringung hängt jedoch von der Akzeptanz bei Herstellern und der Bereitschaft der Verbraucher ab, Reparaturangebote zu nutzen.

Batterietechnologie und Energieeffizienz

Ein weiteres Beispiel für europäische Hardware-Innovation liefert LeydenJar aus den Niederlanden. Das Unternehmen entwickelt Silizium-Anoden für Lithium-Ionen-Batterien, die nach eigenen Angaben eine um 50 Prozent höhere Energiedichte als herkömmliche Graphitanoden ermöglichen. Die Technologie basiert auf einem Verfahren zur Abscheidung von Silizium auf Kupferfolie, das ursprünglich aus der Forschung am niederländischen ECN stammt. Durch die poröse Struktur der Siliziumsäulen soll das Material die Volumenänderungen beim Laden besser verkraften und so die Lebensdauer der Batterien erhöhen.

LeydenJar hat bislang über 100 Millionen Euro eingeworben und plant, ab Anfang 2027 in einer neuen Produktionsanlage in Eindhoven Silizium-Anoden in industriellem Maßstab herzustellen. Die Zielmärkte reichen von Unterhaltungselektronik bis zu Elektromobilität. Nach Unternehmensangaben kann der CO₂-Fußabdruck der Anodenproduktion um bis zu 85 Prozent gesenkt werden. Unabhängige Praxistests und eine breite industrielle Umsetzung stehen jedoch noch aus.

Digitale Gesundheit und Astronomie als Nischenmärkte

Im Bereich digitale Gesundheit stellt BP Relax eine Kombination aus tragbarem Sensor und App für Menschen mit Bluthochdruck vor. Das System analysiert Herz-Kreislauf-Signale und bietet Biofeedback für geführte Atemübungen. Die Entwicklung erfolgt in Polen, der Vertrieb ist auf Deutschland lizenziert. Die Marktzulassung und die tatsächliche Wirksamkeit im Alltag müssen sich noch im breiten Einsatz bewähren.

Unistellar aus Frankreich adressiert mit vernetzten Teleskopen einen Nischenmarkt für Amateurastronomie. Die Geräte kombinieren optische und digitale Bildverarbeitung, um auch in lichtverschmutzten Städten Himmelsobjekte sichtbar zu machen. Über eine App können Nutzerinnen und Nutzer gezielt astronomische Objekte ansteuern. Kooperationen mit NASA und SETI ermöglichen es, Beobachtungsdaten für wissenschaftliche Projekte bereitzustellen. Nikon ist seit 2023 als Investor beteiligt. Die Marktrelevanz bleibt angesichts der spezialisierten Zielgruppe begrenzt, zeigt aber, wie europäische Unternehmen auf technologische Differenzierung setzen.

Die Beispiele zeigen, dass europäische Hardware-Start-ups trotz geringer Sichtbarkeit auf der IFA 2026 an konkreten Lösungen für Energie, Kreislaufwirtschaft und digitale Gesundheit arbeiten. Die internationale Konkurrenz bleibt jedoch hoch, und viele Unternehmen setzen auf gezielte Nischen oder Kooperationen mit etablierten Partnern. Die tatsächliche Skalierung und Marktdurchdringung europäischer Hardware-Innovationen hängt weiterhin von industriellen Partnerschaften, regulatorischen Rahmenbedingungen und der Zahlungsbereitschaft der Kunden ab. Die IFA 2026 macht deutlich, dass europäische Start-ups zwar innovative Ansätze liefern, aber im globalen Wettbewerb um Sichtbarkeit und Skalierung noch erhebliche Hürden bestehen.

Die Kreislaufwirtschaft beschreibt ein Wirtschaftsmodell, bei dem Produkte, Materialien und Ressourcen möglichst lange im Umlauf gehalten werden. Ziel ist es, Abfall zu vermeiden, Rohstoffe effizienter zu nutzen und Emissionen zu senken. Im Unterschied zur klassischen linearen Wirtschaft, in der Produkte nach Gebrauch entsorgt werden, setzt die Kreislaufwirtschaft auf Reparatur, Wiederverwendung und Recycling. Für die Elektronikbranche bedeutet dies, dass Geräte leichter reparierbar und Ersatzteile verfügbar sein müssen. Die Umsetzung erfordert jedoch nicht nur technische Lösungen, sondern auch regulatorische Vorgaben und veränderte Geschäftsmodelle.Schlagwörter: Kreislaufwirtschaft, Batterietechnik, IFA Berlin

Ähnliche Artikel