Das BAE-Systems-Spin-off Nuclear Turbines hat eine Finanzierung von 15 Millionen Pfund erhalten, um kompakte modulare Kernkraftsysteme zu entwickeln. Welche technischen und wirtschaftlichen Fragen bleiben offen
Das britische Unternehmen Nuclear Turbines, eine Ausgründung von BAE Systems, hat eine Finanzierungsrunde in Höhe von 15 Millionen Pfund abgeschlossen. Die Runde wurde von IQ Capital angeführt, beteiligt waren zudem Rhapsody Venture Partners, Zero Carbon Capital und Empirical Ventures. Nuclear Turbines entwickelt kompakte modulare Kernenergiesysteme, die nach eigenen Angaben Strom zu deutlich geringeren Kosten als herkömmliche Kernkraftwerke liefern sollen. Das Unternehmen mit Sitz in Manchester wurde 2025 gegründet und ist nun erstmals mit Details zu Technologie und Finanzierung an die Öffentlichkeit getreten.
Technologischer Ansatz und Entwicklungsstand
Nuclear Turbines verfolgt das Ziel, die Kosten der Stromerzeugung aus Kernenergie zu senken, indem klassische Dampfturbinen durch Hochtemperaturturbinen ersetzt werden, wie sie sonst in Strahltriebwerken und Gaskraftwerken eingesetzt werden. Diese Turbinen sollen mit einem neuartigen Reaktordesign kombiniert werden. Nach Angaben des Unternehmens ist die Technologie so kompakt, dass sie direkt auf industriellen Standorten installiert werden könnte, etwa zur Versorgung von Fabriken oder Rechenzentren. Die technische Machbarkeit und die tatsächlichen Kostenvorteile sind bislang jedoch nicht unabhängig bestätigt.
Finanzierung, Investoren und Zeitplan
Die jetzt bekanntgegebene Finanzierung in Höhe von 15 Millionen Pfund (rund 17,5 Millionen Euro) ist für die Entwicklung von Designstudien, den Bau großskaliger Testanlagen und die Erweiterung des Teams vorgesehen. Zu den Investoren zählen neben IQ Capital auch spezialisierte Risikokapitalgeber mit Fokus auf Energie- und Klimatechnologien. Nuclear Turbines wurde von Jeremy Owston, ehemals leitender Ingenieur bei BAE Systems, und dem Nuklearexperten Tim Abram gegründet. Die Mittel sollen laut Unternehmensangaben vor allem in die technische Validierung und die Vorbereitung von Demonstrationsprojekten fließen. Ein konkreter Zeitplan für einen möglichen Markteintritt oder eine industrielle Pilotierung wurde bislang nicht veröffentlicht.
Regulatorischer und politischer Kontext im Vereinigten Königreich
Die Ankündigung erfolgt vor dem Hintergrund einer verstärkten politischen Debatte über die Rolle der Kernenergie im britischen Energiemix. Die britische Regierung hat in den vergangenen Jahren den Ausbau neuer Kernkraftwerke angekündigt, um Versorgungssicherheit und Klimaziele zu erreichen. Nuclear Turbines verweist darauf, dass die eigene Entwicklung mit Empfehlungen der 2025 veröffentlichten Nuclear Regulatory Review übereinstimme, die eine grundlegende Überarbeitung der Regulierung für Kernenergie fordert. Ob und wie schnell neue Reaktorkonzepte regulatorisch zugelassen werden, bleibt jedoch offen. Die praktische Umsetzung hängt von weiteren technischen Nachweisen und politischen Entscheidungen ab.
Einordnung und offene Fragen für den europäischen Markt
Für Deutschland und die Europäische Union ist die Entwicklung modularer Kernenergiesysteme weiterhin ein kontroverses Thema. Während einige EU-Staaten auf neue Kernkrafttechnologien setzen, ist der Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland politisch beschlossen. Die von Nuclear Turbines angekündigte Technologie könnte, sofern sie sich als wirtschaftlich und sicher erweist, langfristig auch für industrielle Anwendungen in anderen Ländern relevant werden. Bislang liegen jedoch keine unabhängigen Studien zur Sicherheit, Wirtschaftlichkeit oder Skalierbarkeit der vorgeschlagenen Lösung vor. Die weitere Entwicklung bleibt daher mit erheblichen Unsicherheiten verbunden.
Der Begriff "modulare Kernenergie" bezeichnet kompakte Reaktorsysteme, die im Vergleich zu klassischen Großkraftwerken standardisiert gefertigt und flexibel eingesetzt werden können. Ziel ist es, Bauzeiten und Kosten zu reduzieren sowie die Integration in bestehende Infrastrukturen zu erleichtern. Die tatsächliche Marktreife und regulatorische Zulassung solcher Systeme sind jedoch von Land zu Land unterschiedlich und hängen von technischen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren ab.