Die Integration von KI-Agenten stellt ERP-Anbieter vor neue Herausforderungen. Warum vertikale Systeme wie die von Proalpha als widerstandsfähiger gelten und welche Folgen für den Markt zu erwarten sind
Die zunehmende Verbreitung von KI-Agenten in Unternehmenssoftware hat die Diskussion um die Zukunft von ERP-Systemen neu entfacht. Während große Anbieter wie SAP, Salesforce und Workday seit Ende 2025 einen deutlichen Bewertungsrückgang an den Börsen verzeichneten, bleibt das Umsatzwachstum der Branche mit jährlich rund elf bis zwölf Prozent stabil. Die Marktentwicklung zeigt, dass die Auswirkungen der KI-Welle differenziert zu betrachten sind und nicht alle Softwaresegmente gleichermaßen betreffen.
Vertikale Anbieter und die Rolle von Kontext
Insbesondere vertikale Softwareanbieter, die branchenspezifische Lösungen entwickeln, gelten als widerstandsfähiger gegenüber KI-getriebenen Disruptionen. Diese Systeme sind tief in die operativen Abläufe von Unternehmen eingebettet und steuern geschäftskritische Prozesse. Im Gegensatz dazu sind punktuelle, inhaltsgetriebene Anwendungen mit geringer Prozessintegration und niedrigen Wechselhürden anfälliger für Nachbauten oder Ersatz durch KI-basierte Lösungen. Die Erfahrungen aus der Cloud-Transformation der vergangenen Jahre deuten darauf hin, dass sich etablierte Anbieter anpassen können, während einzelne Nachzügler vom Markt verschwinden.
ERP-Systeme bilden das Rückgrat vieler Unternehmen, da sie die für KI-Anwendungen notwendigen Daten erzeugen und verwalten. Damit KI-Agenten zuverlässig agieren können, benötigen sie nicht nur Zugriff auf Daten, sondern auch auf deren betriebswirtschaftlichen Kontext und Semantik. Ohne diese Einbettung bleibt ein KI-Agent auf die wahrscheinlichste Antwort beschränkt, während ein ERP-System regelkonforme und auditierbare Ergebnisse liefern muss. Die Entwicklung von branchenspezifisch trainierten Agenten, wie sie etwa Proalpha für die diskrete Fertigung verfolgt, zeigt, dass vertikale Anbieter gezielt auf die Anforderungen ihrer Kunden eingehen.
Architektur, Sicherheit und regulatorische Anforderungen
Die Integration von KI-Agenten in ERP-Systeme stellt hohe Anforderungen an Architektur, Sicherheit und Compliance. In Bereichen wie Buchhaltung, Lohnabrechnung oder Steuerrecht reicht eine hohe Trefferquote nicht aus - hier sind deterministische, nachvollziehbare Ergebnisse erforderlich. Sprachmodelle können zwar die Interaktion erleichtern, müssen jedoch in eine Architektur eingebettet werden, die Wissensgraphen, Zugriffskontrolle und Auditierbarkeit sicherstellt. Laufende Änderungen an regulatorischen Vorgaben wie NIS2, EU AI Act oder CSRD erhöhen den Anpassungsdruck auf Anbieter und machen ERP-Systeme zunehmend zur zentralen Compliance-Plattform.
Die Frage nach dem Zugang externer Agenten zu Unternehmenssystemen gewinnt an Bedeutung. Plattformen müssen künftig nicht nur Datenzugang, sondern auch Regeln, Rollen und Protokollierung für externe KI-Agenten bereitstellen. Daraus entstehen neue Geschäftsmodelle, etwa wenn der Zugriff auf kontextualisierte Daten gegen Gebühr ermöglicht wird. Die Bedeutung von Datensouveränität und kontrolliertem Zugang wächst, da erst die Kombination aus Daten, Kontext und historischer Entwicklung einen echten Mehrwert für KI-Anwendungen schafft.
Lizenzmodelle und Marktverschiebungen
Die Diskussion um Lizenzmodelle und die Monetarisierung von Unternehmenssoftware verändert sich durch den Einsatz von KI-Agenten. Während klassische Lizenzmodelle auf Nutzerzahlen basieren, verschiebt sich der Fokus zunehmend auf ergebnisbasierte Abrechnungen - etwa für verarbeitete Aufträge, automatisierte Entscheidungen oder vermiedene Fehler. Nach aktuellen Erhebungen nutzen bislang nur wenige Anbieter solche Modelle, obwohl sie als zukunftsfähig gelten. Gleichzeitig sinkt die durchschnittliche Zahl der eingesetzten Anwendungen pro Unternehmen, was für tief integrierte Systeme wie ERP Rückenwind bedeutet, während spezialisierte Stand-alone-Lösungen unter Druck geraten.
Die Entwicklung hin zu sprachgesteuerten, chatbasierten und Copilot-ähnlichen Oberflächen verändert vor allem die Interaktion zwischen Anwender und System. Statt komplexer Eingabemasken genügt künftig oft ein einziger Satz, um einen Geschäftsprozess auszulösen. Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit anderen Innovationen im Bereich der KI-gestützten Arbeitsabläufe, wie sie etwa bei der Einführung von Funktionen zur Aufzeichnung von Skills in Claude Cowork beobachtet werden kann (weitere Details zur Entwicklung von KI-gestützten Arbeitsprozessen).
ERP als System of Action und Wissensplattform
Die Rolle von ERP-Systemen wandelt sich von reinen Dokumentationsplattformen ("System of Record") hin zu aktiven, unterstützenden Systemen ("System of Action"), die nicht nur Daten verwalten, sondern auch analysieren und teilweise autonom handeln. Ein gestuftes Automatisierungsmodell ermöglicht es, Routineaufgaben an KI-Agenten zu übergeben, während bei kritischen Entscheidungen weiterhin menschliche Kontrolle erforderlich bleibt. Der demografische Wandel und der Verlust von Erfahrungswissen durch ausscheidende Fachkräfte erhöhen den Wert von Systemen, die Prozesslogik und Geschäftsregeln langfristig konservieren.
Regulatorische Anforderungen wie die E-Rechnungspflicht oder der EU Digital Product Passport verstärken die Bedeutung von ERP-Systemen als zentrale Plattformen für Dokumentation, Transparenz und Nachweisbarkeit. Prognosen wie die von Gartner, wonach bis Ende 2026 rund 40 Prozent aller Unternehmensanwendungen aufgabenspezifische KI-Agenten enthalten könnten, unterstreichen die Dynamik des Wandels. Entscheidend bleibt, ob ERP-Systeme den notwendigen Kontext liefern, damit KI-Agenten verlässlich und regelkonform agieren können.
Der Wandel im Bereich der Unternehmenssoftware zeigt, dass technologische Innovationen wie KI-Agenten nicht zwangsläufig zu einer Verdrängung etablierter Anbieter führen. Vielmehr entsteht ein Anpassungsdruck, der neue Geschäftsmodelle, technische Architekturen und regulatorische Lösungen erfordert. Die Fähigkeit, Kontext, Semantik und Prozesswissen bereitzustellen, wird zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal für Anbieter von Unternehmenssoftware.
ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) sind integrierte Softwarelösungen, die zentrale Geschäftsprozesse wie Buchhaltung, Einkauf, Produktion und Personalwesen abbilden und steuern. Sie dienen als Datenbasis für operative und strategische Entscheidungen und sind häufig tief in die IT-Landschaft von Unternehmen eingebettet. Die zunehmende Integration von KI-Agenten erfordert eine Weiterentwicklung der Systemarchitektur, um sowohl regulatorische Anforderungen als auch die wachsende Komplexität der Datenverarbeitung zu erfüllen.