Aalberts Surface Technologies will seine deutschen Werke mit Solarstrom versorgen und investiert dafür nicht selbst in Photovoltaikanlagen. Wie das Modell mit Gigagreen funktioniert und welche Folgen für die Industrie zu erwarten sind
Ein großer deutscher Zulieferer will seine Stromkosten senken. Aalberts Surface Technologies stellt an 23 Standorten in Deutschland schrittweise auf Solarstrom um. Das Unternehmen investiert dafür kein eigenes Geld in Photovoltaikanlagen. Möglich macht das eine langfristige Zusammenarbeit mit GIGA.GREEN. Der Anbieter plant, baut und finanziert die Anlagen. Aalberts kauft den Strom direkt vor Ort zu einem festen Preis, der unter dem aktuellen Netzstrompreis liegt. Die Umsetzung läuft über ein Onsite-PPA (Power Purchase Agreement), das auf die Vorgaben der Bundesnetzagentur für dezentrale Energieversorgung zugeschnitten ist.
Kooperationsmodell statt Eigeninvestition
GIGA.GREEN baut, betreibt und finanziert die Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Aalberts-Standorte. Aalberts Surface Technologies verpflichtet sich, den erzeugten Solarstrom über einen langfristigen Onsite-PPA abzunehmen. Das Unternehmen nutzt so lokal erzeugten Strom, ohne eigenes Kapital zu binden oder technische Risiken zu tragen. Stromtransport über das öffentliche Netz entfällt. Netzentgelte und Umlagen nach § 118 EnWG werden gespart. Das senkt die Betriebskosten und gibt Planungssicherheit für die energieintensive Oberflächen- und Wärmebehandlung. Die Anlagen erfüllen die aktuellen DIN EN 62446-1 und VDE-AR-N 4105 Standards.
Die Aufträge für die Photovoltaikanlagen werden nicht einzeln vergeben. Aalberts behandelt das gesamte Standortnetzwerk als Einheit. Es gibt ein einheitliches Vertragsmodell, zentrale Betriebsführung und einen Ansprechpartner für alle Anlagen. Das bringt Skaleneffekte. Die Werke unterscheiden sich zwar in Prozessen, Energiebedarf und Bausubstanz, aber GIGA.GREEN plant jede Anlage individuell und liefert für das gesamte Netzwerk. Die zentrale Steuerung und das Monitoring der Anlagen berücksichtigen die Anforderungen an IT-Sicherheit nach BSI-KritisV. So bleibt die Energieversorgung der Industrie geschützt.
Start mit fünf großen Werken
Die Umstellung beginnt an den fünf größten deutschen Standorten von Aalberts Surface Technologies. Die Kooperation ist auf Dauer angelegt. Weitere Niederlassungen in Deutschland sollen folgen. Weltweit betreibt das Unternehmen 91 Standorte, davon 23 in Deutschland. Die Produktion läuft im Mehrschicht- und Dauerbetrieb. Der Strombedarf ist hoch. Jede Kilowattstunde vom eigenen Dach senkt die Abhängigkeit vom Netz und wirkt sich direkt auf die Herstellungskosten aus.
Die wirtschaftliche Logik des Modells beruht nicht nur auf dem Wegfall eigener Investitionen: GIGA.GREEN übernimmt auch sämtliche Investitions- und Betriebsrisiken, während Aalberts nur für tatsächlich gelieferten Solarstrom zum vereinbarten Kilowattstundenpreis zahlt.
Für GIGA.GREEN bringt die Zusammenarbeit mit Aalberts Surface Technologies einen neuen Ansatz. Das Unternehmen tritt als Stromlieferant auf, nicht nur als Anlagenbauer. GIGA.GREEN trägt das Investitions- und Betriebsrisiko. Aalberts zahlt nur für die gelieferte Kilowattstunde. Planung, Bau und Betrieb lassen sich über das gesamte Standortnetzwerk standardisieren. Das senkt die Kosten weiter. Ein ähnliches Modell wurde bereits in anderen Branchen diskutiert, etwa bei früheren Projekten im Bereich Solarenergie.
Preisvorteil durch lokalen Verbrauch
Der wirtschaftliche Vorteil liegt im lokalen Verbrauch. Der Solarstrom muss nicht durch das öffentliche Netz. Netzentgelte und weitere Abgaben entfallen. Das ermöglicht einen Preis, der laut Unternehmen deutlich unter dem aktuellen Tarif für Netzstrom liegt. Für Aalberts Surface Technologies, das seit 80 Jahren Bauteile für Autoindustrie, Maschinenbau und Medizintechnik beschichtet und härtet, ist das ein wichtiger Hebel zur Kostensenkung. Die Bundesnetzagentur bestätigt, dass Onsite-PPA-Modelle die Netzinfrastruktur entlasten und die Integration erneuerbarer Energien in die Industrieproduktion fördern. Mehr zu den regulatorischen Rahmenbedingungen steht im Photovoltaik-Dossier der Bundesnetzagentur.
Die langfristige Preisbindung im Onsite-PPA gibt eine gewisse Sicherheit gegen künftige Strompreisschwankungen. Aalberts bleibt flexibel, weil keine eigenen Investitionen nötig sind. Die technische und regulatorische Verantwortung liegt bei GIGA.GREEN. Das reduziert den Verwaltungsaufwand für Aalberts. Die Einhaltung der aktuellen Vorgaben zu IT-Sicherheit und Datenschutz wird für die Industrie immer wichtiger, wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) betont.
Offene Fragen und Brancheneinordnung
Unklar ist, wie hoch der Anteil des Solarstroms am Gesamtverbrauch der einzelnen Werke tatsächlich wird. Auch die Auswirkungen auf die langfristige Wettbewerbsfähigkeit sind offen. Ob ähnliche Modelle für andere energieintensive Branchen in Deutschland attraktiv werden, bleibt abzuwarten. Die Kooperation von Aalberts Surface Technologies und GIGA.GREEN zeigt aber: Onsite-PPA-Modelle sind eine echte Alternative zur klassischen Eigeninvestition. Besonders für Unternehmen, die Kapitalbindung vermeiden und trotzdem von erneuerbaren Energien profitieren wollen.
Aalberts Surface Technologies setzt mit dem skalierbaren, fremdfinanzierten Photovoltaikmodell auf einen pragmatischen Weg. Steigende Energiepreise und regulatorische Unsicherheit machen diesen Schritt notwendig. Für die deutsche Industrie bleibt entscheidend, ob solche Modelle wirtschaftlich tragfähig sind und wie sie Versorgungssicherheit und Dekarbonisierung beeinflussen. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob der Ansatz von Aalberts und GIGA.GREEN Schule macht. Oder ob er eine Ausnahme bleibt.
Ein Onsite-PPA (Power Purchase Agreement) ist ein langfristiger Stromliefervertrag. Ein externer Anbieter betreibt eine Photovoltaikanlage direkt auf dem Gelände eines Unternehmens und verkauft den erzeugten Strom vor Ort. Das Unternehmen zahlt einen festen Preis pro Kilowattstunde, ohne selbst zu investieren. Der Vorteil: lokale Nutzung des Stroms, keine Netzentgelte oder weiteren Abgaben. Onsite-PPA-Modelle gewinnen in Deutschland an Bedeutung. Sie ermöglichen Unternehmen, erneuerbare Energien zu nutzen und Investitionsrisiken auszulagern.