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Eigenkapitallücke bremst Ausbau der Strom- und Wärmenetze in Deutschland

Helga Nowotny Autorin für Wissenschaftspolitik und KI Glocalist Press

Verfasst von Helga Nowotny

Eigenkapitallücke bremst Ausbau der Strom- und Wärmenetze in Deutschland Glocalist Press © glocalist.press
Eigenkapitallücke bremst Ausbau der Strom- und Wärmenetze in Deutschland © glocalist.press

Deutschlands Energieversorger brauchen 13 Milliarden Euro mehr Eigenkapital für den Netzausbau. Die Finanzierungslücke verzögert die Modernisierung der Infrastruktur. Welche Lösungen stehen zur Debatte?

Die Modernisierung der Strom- und Wärmenetze in Deutschland kommt nicht voran. Energieversorgern fehlt das nötige Eigenkapital. Investitionen in Milliardenhöhe bleiben aus. Das spüren Unternehmen und Haushalte direkt.

Finanzierungsbedarf und strukturelle Hürden

Bis 2045 müssen rund 900 Energieversorger in Deutschland etwa 647 Milliarden Euro in Netze investieren. Das zeigen aktuelle Schätzungen. Die Branche hat dafür nicht genug eigene Mittel. Wer neue Bankkredite will, braucht eine solide Eigenkapitalbasis. Insgesamt sind rund 68 Milliarden Euro Eigenkapital nötig, um die geplanten Investitionen zu stemmen. Doch laut einer Analyse von Agora Energiewende, Dezernat Zukunft und Stiftung Klimaneutralität fehlt aktuell eine Summe von 13 Milliarden Euro.

Der Druck steigt. Die Investitionsanforderungen wachsen weiter. Für 2025 werden im Verteilnetz Investitionen von etwa 11 Milliarden Euro erwartet. Im Übertragungsnetz sind es rund 22,2 Milliarden Euro. Bis 2027 dürfte der jährliche Finanzierungsbedarf für beide Netzebenen zusammen auf etwa 40 Milliarden Euro steigen. Die Bundesnetzagentur schätzt den Investitionsbedarf der großen Verteilnetzbetreiber bis 2045 auf rund 207 Milliarden Euro. Dazu kommen etwa 30 Milliarden Euro für Ersatzinvestitionen und Rückbau. Diese Zahlen zeigen, wie groß der Druck auf die Finanzierung ist. Neue Kapitalquellen werden dringend gebraucht. Bundesnetzagentur

Die Lücke wirkt im Vergleich zum Gesamtvolumen klein. Trotzdem blockiert sie Investitionen in Milliardenhöhe. Kommunale Versorger und ihre Eigentümer haben kaum Spielraum. Private Investoren steigen oft aus. Ihre Renditewünsche und Mitspracherechte passen nicht zum öffentlichen Auftrag. Viele Kommunen sind finanziell angespannt. Sie können kaum eigenes Geld beisteuern. Kreditfinanzierte Eigenkapitalstärkung stößt an die Grenzen der Kommunalaufsicht und der Genehmigungspraxis.

Die Bundesnetzagentur schätzt den Investitionsbedarf der großen Verteilnetzbetreiber für den Ausbau bis 2045 auf rund 207 Milliarden Euro, zuzüglich etwa 30 Milliarden Euro für Ersatzinvestitionen und Rückbau.

Bundesnetzagentur

Praktische Lösungsansätze aus Städten und Ländern

Einige Kommunen und Länder gehen neue Wege. Hannover hat über einen Konzernkredit 700 Millionen Euro wirtschaftliches Eigenkapital mobilisiert. Damit wurden Netzinvestitionen von 3,5 Milliarden Euro möglich. Die Stadtwerke Halle schlossen eine Eigenkapitallücke von 150 Millionen Euro mit einem nachrangigen Gesellschafterdarlehen der Kommune. In Hessen vergibt die WIBank Nachrangdarlehen an Energieversorger aus einem eigenen EnergieFonds.

In allen Fällen leiten Land oder Kommune Kredite direkt an die Energieversorger weiter. Das bringt Vorteile. Die Eigentümerstruktur bleibt erhalten. Kommunale Haushalte werden geschont. Die Maßnahmen sind rechtlich zulässig. Kommunen und Länder dürfen wirtschaftliches Eigenkapital zuführen, ohne die Kontrolle abzugeben.

Koordination zwischen Bund, Ländern und Kommunen

Die deutsche Energiewirtschaft ist vielfältig. Es braucht ein abgestimmtes Vorgehen auf allen Ebenen. Der Bund kann Landesförderbanken über die KfW mit Mitteln für Nachrangprogramme ausstatten. Kommunale Gesellschafterdarlehen lassen sich durch Bundesgarantien absichern. Einheitliche und transparente Regeln sind nötig. Nur so können Kommunen und Länder Nachrangdarlehen nutzen und Geschäftsbanken einbinden. Die Länder sollten ihre Gemeindeordnungen investitionsfreundlicher machen. Auch die Kommunalaufsicht muss moderner werden. Für hoch verschuldete Stadtwerke oder riskante Projekte können landeseigene Beteiligungsgesellschaften bilanzielles Eigenkapital bereitstellen.

Kommunen müssen ihre Spielräume besser nutzen. Wer die Investitionsbedarfe und die langfristige Rentabilität einer Eigenkapitalstärkung prüft, sieht schnell: Öffentlich finanziertes Eigenkapital verlangt niedrigere Renditen. Das dämpft langfristig die Netzentgelte für Verbraucherinnen und Verbraucher.

Debatte um private und öffentliche Finanzierung

Die Diskussion um die Finanzierung der Energiewende ist oft kompliziert. Viele Modelle richten sich an private Kapitalgeber. Für die meisten kommunalen Versorger sind aber Reformen der Gemeindeordnung und gezielte Programme auf Bundes- und Länderebene wichtiger. Ein Private-Investor-Pool kann privat geführte Versorger ergänzen. Das strukturelle Problem der kommunalen Eigenkapitallücke löst er nicht. Die Bundesregierung muss einen klaren Deutschland-Standard schaffen. Nur so entstehen einheitliche und rechtssichere Lösungen. Wie solche Modelle aussehen können, zeigen Agora Energiewende, Stiftung Klimaneutralität und Dezernat Zukunft in einer Gemeinschaftsstudie.

Die Finanzierungsprobleme der Energiewende gibt es nicht nur in Deutschland. Auch andere europäische Länder stehen vor ähnlichen Fragen. Die Entwicklung in Deutschland ist deshalb international relevant. Das zeigte sich schon bei Infrastrukturprojekten wie dem Ausbau von Batteriespeichern, wie bereits berichtet wurde. Entscheidend ist, dass Politik und Regulierung so gestaltet werden, dass Investitionen nicht an formalen Hürden scheitern. Die Eigenkapitallücke lässt sich schließen. Aber nur, wenn Bund, Länder und Kommunen koordiniert handeln und die rechtlichen Möglichkeiten voll ausschöpfen.

Eigenkapital ist für Energieversorger die Basis, um Fremdkapital zu bekommen und in Netze zu investieren. Im Unterschied zu Fremdkapital trägt Eigenkapital das unternehmerische Risiko und verbessert die Bonität. Gerade bei kommunalen Versorgern ist das Eigenkapital oft knapp. Gewinne fließen meist an die Kommune. Externe Investoren kommen selten zum Zug. Eine gezielte Stärkung des Eigenkapitals durch öffentliche Mittel kann die Finanzierungskraft erhöhen. Die Kontrolle bleibt dabei öffentlich. Die Ausgestaltung solcher Modelle bleibt eine zentrale Aufgabe für die Energiepolitik der nächsten Jahre.

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