Das britische Unternehmen Boldr sammelt 5 Millionen US-Dollar ein, um seine Plattform für die Vernetzung von Heiz- und Energiesystemen in Privathaushalten weiterzuentwickeln und neue Märkte zu erschließen
Das britische Unternehmen Boldr hat eine Finanzierungsrunde in Höhe von 5 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Ziel ist es, die eigene Plattform zur Vernetzung und Steuerung von Energieanlagen in Wohngebäuden weiterzuentwickeln und die Marktabdeckung in Nordamerika auszubauen. Die Runde wurde von Unconventional Ventures angeführt, beteiligt waren zudem Ada Ventures, Tetard Ventures, Davidovs Venture Collective, Roxbury Asset Management, Inclimo Climate Tech Fund, Prosegur, Techstars, S20 Fund sowie strategische Investoren aus der nordamerikanischen Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnikbranche. Bereits im Vorjahr hatte Boldr eine überzeichnete Seed-Runde mit 3,2 Millionen US-Dollar abgeschlossen.
Technologie für flexible Netzkapazität
Boldr entwickelt eine Plattform, die verschiedene Energieanlagen in Privathaushalten miteinander vernetzt. Im Fokus stehen zunächst Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen (HVAC), die in den USA einen erheblichen Anteil am Stromverbrauch privater Haushalte ausmachen. Die Plattform soll es ermöglichen, dass Geräte wie Wärmepumpen, Klimageräte, Batteriespeicher, Ladestationen für Elektrofahrzeuge und Solaranlagen gemeinsam als flexible Kapazität für das Stromnetz genutzt werden können. Durch die Steuerung des Energiebedarfs in Echtzeit könnten Netzbetreiber Lastspitzen besser ausgleichen, ohne ausschließlich auf den Ausbau zentraler Kraftwerke angewiesen zu sein.
Vertriebsmodell über Fachbetriebe
Im Unterschied zu vielen anderen Anbietern richtet sich Boldr nicht direkt an Endkundinnen und Endkunden, sondern arbeitet mit Fachbetrieben zusammen, die Heizungs- und Klimaanlagen installieren und warten. Diese Unternehmen sollen als Partner für die Einführung und Betreuung der vernetzten Systeme dienen. Die Plattform bietet den Fachbetrieben Einblick in den Zustand der installierten Geräte, unterstützt bei Wartung und Fehlerdiagnose und ermöglicht eine langfristige Kundenbindung über den gesamten Lebenszyklus der Anlagen.
Marktstrategie und Partnerschaften
Für die Expansion in den US-Markt hat Boldr nach eigenen Angaben bereits landesweite Vertriebsvereinbarungen mit Herstellern und Großhändlern wie Source 1 (Bosch) und Daikin geschlossen. Damit erhält das Unternehmen Zugang zu etablierten Netzwerken von Fachbetrieben. Die aktuelle Finanzierung soll genutzt werden, um die Plattform über die bisher unterstützten Split-Klimageräte hinaus auf zentrale Heizungs- und Klimasysteme in Wohn- und kleinen Gewerbeimmobilien auszuweiten. Zudem ist geplant, die Integration weiterer Energieanlagen wie Batteriespeicher, Solarsysteme und Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge voranzutreiben.
Einordnung und offene Fragen
Die Strategie von Boldr, dezentrale Energieanlagen in Privathaushalten als flexible Netzressource zu nutzen, entspricht einem internationalen Trend zur Digitalisierung und Dezentralisierung der Stromversorgung. Vergleichbare Ansätze werden auch in anderen Sektoren verfolgt, etwa bei der KI-gestützten Optimierung von Energieflüssen in der Landwirtschaft, wie ein Bericht über Computomics zeigt (mehr zur Finanzierung von KI-Plattformen im Energiesektor). Noch offen bleibt, wie schnell sich solche Plattformen im fragmentierten US-Markt durchsetzen können und welche regulatorischen Anforderungen für die Einbindung privater Haushalte in Netzsteuerungsdienste gelten werden. Unabhängige technische Bewertungen der Boldr-Plattform liegen bislang nicht vor.
Der Begriff "flexible Netzkapazität" bezeichnet die Fähigkeit, Stromverbrauch und -erzeugung dezentraler Anlagen dynamisch an die Anforderungen des Stromnetzes anzupassen. Solche Flexibilitätsdienste gewinnen an Bedeutung, da der Anteil erneuerbarer Energien und dezentraler Erzeuger steigt. Für Netzbetreiber entsteht dadurch die Möglichkeit, Lastspitzen zu glätten und Versorgungssicherheit zu erhöhen, ohne ausschließlich in neue zentrale Infrastruktur investieren zu müssen. Die technische und regulatorische Integration privater Anlagen bleibt jedoch eine Herausforderung.