Eine aktuelle Studie von Cisco zeigt, dass viele deutsche Unternehmen ihre Netzwerkinfrastruktur nicht ausreichend auf die steigenden Anforderungen durch KI vorbereitet haben und kurzfristig Handlungsbedarf besteht
Die zunehmende Nutzung von künstlicher Intelligenz (KI) in deutschen Unternehmen stellt die bestehende Netzwerkinfrastruktur vor erhebliche Herausforderungen. Laut der im Juni 2026 veröffentlichten Studie "The accelerating impact of AI on campus and branch networks" von Cisco und Foundry erwarten 67 Prozent der befragten Unternehmen, dass ihre Netzwerke in naher Zukunft an Kapazitätsgrenzen stoßen könnten. Die Studie basiert auf einer branchenübergreifenden Befragung und verdeutlicht, dass KI-Anwendungen bereits heute in vielen Unternehmensbereichen eingesetzt werden.
Wachsende Belastung durch KI-Datenverkehr
Rund die Hälfte der befragten Unternehmen rechnet in den kommenden 24 Monaten mit einem deutlichen Anstieg der KI-Nutzung. Die Prognose der Studie geht davon aus, dass sich der durch KI verursachte Datenverkehr in den nächsten drei Jahren mehr als verdreifachen wird. Besonders betroffen ist der Bereich WLAN: 50 Prozent der Unternehmen sehen hier den größten Anstieg der Kapazitätsanforderungen. Gleichzeitig geben nur 16 Prozent der Befragten an, ihre Infrastruktur sei bereits vollständig auf diese Entwicklung vorbereitet. Die Mehrheit sieht dringenden Modernisierungsbedarf, um die Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit der Netze auch bei wachsender KI-Last zu gewährleisten.
Sicherheitsrisiken und Zeitdruck
Die Studie weist zudem auf eine wachsende Bedrohungslage hin: 70 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass sich KI-bezogene Sicherheitsrisiken schneller entwickeln, als sie darauf reagieren können. Bereits 86 Prozent berichten von Schäden durch KI-basierte Angriffe oder Störungen. Laut Cisco bleibt Unternehmen ein Zeitfenster von etwa 24 Monaten, bevor die Netzwerkkapazitäten kritische Grenzen erreichen und die Angriffsflächen so groß werden, dass bestehende Schutzmaßnahmen nicht mehr ausreichen könnten. Die Notwendigkeit, Netzwerke nicht nur zu skalieren, sondern auch sicherheitstechnisch zu modernisieren, wird damit zur zentralen Herausforderung.
Industrie und Frequenzpolitik im Fokus
Besonders für die deutsche Industrie, die maßgeblich zur Wertschöpfung und Exportkraft beiträgt, ist eine leistungsfähige Netzwerkinfrastruktur entscheidend. Laut dem "State of Industrial AI Report" setzen zwar etwa 20 Prozent der Industrieunternehmen KI bereits umfassend in laufenden Prozessen ein, doch viele stoßen bei Echtzeitanwendungen an technische Grenzen. Fehlende Voraussetzungen bei Netzwerkinfrastruktur, Cybersicherheit und IT/OT-Betriebsmodellen bremsen die weitere Skalierung. Die Verfügbarkeit ausreichender WLAN-Frequenzen wird dabei zum kritischen Faktor. In Europa steht das obere 6-GHz-Band (6425 bis 7125 MHz) als potenzielle Ressource zur Verfügung. Allerdings empfiehlt das Frequenz-Beratungsgremium der EU-Kommission derzeit, dieses Spektrum vorrangig für den Mobilfunk zu reservieren. Sollte die Industrie keinen Zugang erhalten, könnten laut Cisco bis 2030 wirtschaftliche Potenziale in Höhe von 13,7 Milliarden Euro für Deutschland verloren gehen.
Europäische Perspektive und offene Fragen
Die Diskussion um die Nutzung des 6-GHz-Bandes ist Teil einer breiteren europäischen Debatte über die digitale Wettbewerbsfähigkeit im KI-Zeitalter. Während der finale Vorschlag der Europäischen Kommission zur Frequenzvergabe noch aussteht, fordern Industrievertreter und Technologieunternehmen eine frühzeitige Öffnung für den WLAN-Betrieb. Die Frage, wie die Frequenzpolitik ausgestaltet wird, bleibt damit offen und hat direkte Auswirkungen auf die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Auch andere europäische Länder beobachten die Entwicklung aufmerksam, da ähnliche Herausforderungen bestehen. Die Bedeutung von Infrastrukturinvestitionen für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen wurde zuletzt auch in anderen Branchen hervorgehoben, etwa im Zusammenhang mit den steigenden Finanzierungsrunden für Startups, wie sie in einem aktuellen Bericht zu deutschen und europäischen Startup-Finanzierungen thematisiert wurden.
Unter Netzwerkinfrastruktur versteht man die Gesamtheit der technischen Systeme, die den Austausch von Daten innerhalb und zwischen Unternehmen ermöglichen. Dazu zählen physische Komponenten wie Router, Switches und Funkzugangspunkte ebenso wie die zugehörige Software und Sicherheitsarchitektur. Im Kontext von KI-Anwendungen steigen die Anforderungen an Bandbreite, Latenz und Ausfallsicherheit deutlich, da KI-Agenten und automatisierte Systeme in sehr kurzer Zeit große Datenmengen verarbeiten und übertragen müssen. Die Leistungsfähigkeit der Netzwerkinfrastruktur wird damit zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor für Unternehmen, insbesondere in datenintensiven Branchen wie der Industrie.