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Europas Mittelstand: Finanzsysteme bremsen geplantes Wachstum aus

Nils Bedke Autor für Kapitalmärkte und Banking Glocalist Press

Verfasst von Nils Bedke

Europas Mittelstand: Finanzsysteme bremsen geplantes Wachstum aus Glocalist Press
Europas Mittelstand: Finanzsysteme bremsen geplantes Wachstum aus

Eine aktuelle Studie von Pleo zeigt: Viele mittelständische Unternehmen in Europa wollen expandieren, doch fragmentierte Finanzsysteme und komplexe Prozesse behindern die Skalierung. Welche Folgen das für die Wettbewerbsfähigkeit hat, bleibt offen

Europäische Mittelständler stehen vor der Herausforderung, ihre Geschäftsaktivitäten über nationale Grenzen hinweg auszuweiten. Laut einer im April 2026 von Sapio Research im Auftrag von Pleo durchgeführten Befragung unter Finanzverantwortlichen in Deutschland, Spanien und Großbritannien planen 91 Prozent der Unternehmen eine Skalierung. Doch die Studie legt offen, dass die bestehenden Finanzsysteme vieler Unternehmen mit dem angestrebten Wachstum nicht Schritt halten können.

Fragmentierte Prozesse als Wachstumsbremse

Die Expansion in neue Märkte gilt für 64 Prozent der befragten Finanzverantwortlichen als zentraler Wachstumstreiber. Gleichzeitig berichten 65 Prozent, dass der Eintritt in einen neuen Markt mit der Gründung eines neuen Unternehmens vergleichbar sei - ein Hinweis auf die Komplexität der Anforderungen. Unterschiedliche Steuersysteme, heterogene Bankeninfrastrukturen, aufwendige Genehmigungsprozesse und fragmentierte Datenquellen erschweren die internationale Skalierung. Diese Faktoren führen dazu, dass Unternehmen oft keinen aktuellen Gesamtüberblick über ihre Finanzlage behalten können.

Die Folge: Viele Unternehmen zögern, ihre Aktivitäten weiter auszubauen. Die Unsicherheit über die eigene Finanztransparenz und die steigende Komplexität der Prozesse wirken sich nicht nur auf einzelne Unternehmen, sondern auch auf die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft insgesamt aus. In verwandten Branchen zeigt sich, dass strukturelle Hürden auch bei Übernahmen und Finanzierungsrunden eine Rolle spielen, wie etwa bei der Übernahme eines MedTech-Unternehmens durch einen US-Konzern, worüber Glocalist Press im Zusammenhang mit Kausable und Noscendo berichtete.

Die "Kontrollsteuer" und ihre Folgen

Mit zunehmender Größe und Internationalisierung wächst in vielen Unternehmen der Aufwand für interne Kontroll- und Freigabeprozesse. Finanzabteilungen führen zusätzliche Berichtsebenen, manuelle Abstimmungen und Freigaben ein, um die Übersicht zu behalten. Dieser Mehraufwand wird in der Studie als "Kontrollsteuer" bezeichnet: Die Komplexität der Finanzprozesse steigt, während die verfügbare Zeit für strategische Aufgaben sinkt. 52 Prozent der wachsenden Unternehmen geben an, dass ihre Finanzsysteme mit dem Expansionstempo nicht mithalten können. Das führt zu ungenutzten Wachstumspotenzialen und erhöhtem administrativem Aufwand.

Statt sich auf strategische Modellierungen und Marktanalysen zu konzentrieren, verbringen Finanzverantwortliche einen Großteil ihrer Zeit mit manuellen Routinetätigkeiten wie Datenaufbereitung und Reporting. Gerade in einem volatilen makroökonomischen Umfeld kann diese Entwicklung die Fähigkeit zur vorausschauenden Steuerung weiter einschränken.

Automatisierung und Integration als Lösungsansatz

Die Studie zeigt, dass viele Unternehmen trotz der Diskussion um Künstliche Intelligenz und digitale Transformation weiterhin auf manuelle Tabellenkalkulationen im Ausgabenmanagement setzen. Versuche, Innovationen auf fragmentierte Strukturen aufzusetzen, stoßen dabei an technische und organisatorische Grenzen. Anbieter wie Pleo positionieren sich mit integrierten Lösungen, die Ausgaben, Karten und Freigaben zentral verwalten und so die Effizienz steigern sollen. Ob und in welchem Umfang solche Systeme die Komplexität tatsächlich reduzieren, hängt jedoch von der Integrationstiefe und der Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche regulatorische Anforderungen ab.

Für nachhaltiges Wachstum benötigen europäische Unternehmen Finanzsysteme, die speziell auf die Anforderungen des europäischen Marktes zugeschnitten sind. Integrierte Lösungen, die verlässliche Daten, Compliance und Kontrolle gewährleisten, gelten als Schlüssel zur Reduktion der "Kontrollsteuer". Entscheidend ist, dass Integration nicht als nachträgliche technische Aufgabe verstanden wird, sondern als grundlegendes Prinzip der Systemarchitektur.

Offene Fragen und Perspektiven

Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass die Digitalisierung der Finanzinfrastruktur im europäischen Mittelstand noch nicht flächendeckend umgesetzt ist. Es bleibt offen, wie schnell Unternehmen bestehende Systeme modernisieren und ob regulatorische Vorgaben in den einzelnen Ländern die Integration weiter erschweren. Auch die Frage, inwieweit Automatisierungslösungen tatsächlich zu einer Entlastung der Finanzabteilungen führen, ist bislang nicht abschließend beantwortet. Die Entwicklung bleibt angesichts der Bedeutung des Mittelstands für die europäische Wirtschaft ein zentrales Beobachtungsfeld.

Der Begriff "Kontrollsteuer" beschreibt die versteckten Kosten, die durch zunehmende Komplexität und manuelle Kontrollprozesse in wachsenden Unternehmen entstehen. Diese Kosten sind nicht direkt als Steuer im fiskalischen Sinne zu verstehen, sondern bezeichnen den Zeit- und Ressourcenaufwand, der für interne Abstimmungen, Freigaben und Berichte aufgewendet werden muss. In der Praxis kann eine hohe "Kontrollsteuer" dazu führen, dass strategische Aufgaben vernachlässigt werden und das Wachstumspotenzial eines Unternehmens nicht vollständig ausgeschöpft wird.

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