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Scalable Capital erlaubt KI-Chatbots Zugriff auf Depotdaten mit Nutzerkontrolle

Nils Bedke Autor für Kapitalmärkte und Banking Glocalist Press

Verfasst von Nils Bedke

Scalable Capital erlaubt KI-Chatbots Zugriff auf Depotdaten mit Nutzerkontrolle Glocalist Press © glocalist.press
Scalable Capital erlaubt KI-Chatbots Zugriff auf Depotdaten mit Nutzerkontrolle © glocalist.press

Scalable Capital öffnet seine Plattform für KI-Chatbots wie ChatGPT, Claude und Grok. Was Nutzerinnen und Nutzer erwarten können, welche Einschränkungen gelten und wie regulatorische Vorgaben umgesetzt werden, bleibt im Fokus

Scalable Capital, ein in Deutschland ansässiger Neobroker mit Vollbanklizenz, hat angekündigt, eine Schnittstelle für KI-Chatbots wie ChatGPT, Claude und Grok bereitzustellen. Kundinnen und Kunden können damit erstmals KI-gestützte Assistenten in ihr Wertpapierdepot integrieren, um Analysen durchzuführen und Wertpapierorders vorzubereiten. Die vollständige Automatisierung von Kauf- oder Verkaufsentscheidungen ist jedoch weiterhin ausgeschlossen: Jede Transaktion muss vor Ausführung explizit durch die Nutzerin oder den Nutzer bestätigt werden.

Funktionsumfang und technische Umsetzung

Die neue Schnittstelle ermöglicht es, Depotdaten wie Bestände und Transaktionshistorie automatisiert auszuwerten. Nutzerinnen und Nutzer können über ihren bevorzugten Chatbot beispielsweise Musterportfolios erstellen lassen, Sparpläne vorschlagen oder einen personalisierten Newsletter zu beobachteten Aktien generieren. Die technische Anbindung erfolgt entweder über eine lokal installierbare CLI-Anwendung oder über einen MCP-Server (Model Context Protocol), einen offenen Standard, der ursprünglich von Anthropic entwickelt wurde. Damit können sowohl lokal betriebene als auch cloudbasierte KI-Modelle eingebunden werden.

Die Freischaltung der KI-Anbindung erfolgt zentral im Kundenkonto unter den Sicherheitseinstellungen. Scalable Capital unterscheidet dabei nicht zwischen reiner Datenauswertung und Transaktionsvorbereitung: Wird die Schnittstelle aktiviert, erhält der KI-Chatbot umfassenden Zugriff auf die Depotdaten und kann auch Ordervorschläge generieren. Die finale Ausführung bleibt jedoch stets in der Hand der Kundinnen und Kunden. Vor jeder Transaktion werden regulatorisch vorgeschriebene Kosteninformationen und Risikohinweise angezeigt.

Regulatorische Vorgaben und Haftungsfragen

Scalable Capital betont, dass die Verantwortung für die Nutzung der KI-Modelle und die Freigabe der Schnittstelle vollständig bei den Kundinnen und Kunden liegt. Das Unternehmen übernimmt keine Haftung für Empfehlungen, Analysen oder Transaktionen, die durch die KI-Chatbots angestoßen werden. Die von der KI generierten Vorschläge gelten ausdrücklich nicht als Anlageberatung. Jede über die Funktion "Agentic Investing" ausgelöste Transaktion wird durch Push-Benachrichtigungen und Mitteilungen im Postfach dokumentiert, um Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten.

Bei einigen KI-Assistenten, etwa Claude, können Nutzerinnen und Nutzer im Modell selbst zusätzliche Berechtigungsstufen festlegen, etwa "Blockiert", "Genehmigung erforderlich" oder "Immer erlauben". Scalable Capital weist jedoch darauf hin, dass für die Einhaltung dieser Einstellungen keine Garantie übernommen wird. Die regulatorischen Anforderungen, insbesondere im Hinblick auf Kosten- und Risikoaufklärung, bleiben unabhängig von der gewählten KI-Lösung bestehen.

Marktumfeld und Nutzerakzeptanz

Scalable Capital ist nicht das erste Unternehmen in Europa, das eine solche Schnittstelle öffnet. Auch Anbieter wie Bitpanda, Qonto und Finom ermöglichen bereits die Integration von KI-Agenten in ihre Plattformen. Für die Branche steht dabei im Vordergrund, wie sich das Nutzerverhalten durch den Einsatz von KI-Chatbots verändert und welche neuen Anforderungen an Sicherheit und Regulierung entstehen.

Eine aktuelle Umfrage des Digitalverbands Bitkom zeigt, dass die Meinungen zur Nutzung von KI in der Geldanlage geteilt sind. Während 56 Prozent der Befragten den Einsatz von KI bei Finanzthemen als Chance sehen, betrachten 40 Prozent dies als Risiko. Rund die Hälfte lehnt KI-basierte Finanzentscheidungen grundsätzlich ab, während 27 Prozent sich vorstellen können, künftig einen Großteil ihrer Finanzentscheidungen an eine KI zu delegieren. Jeder vierte Befragte hat bereits einen Chatbot wie ChatGPT um Rat in Finanzfragen gebeten. Die Diskussion um Chancen und Risiken erinnert an die Debatte um neue Bewertungsmodelle, wie sie etwa beim neuen Schufa-Score geführt wurde.

Offene Fragen und Ausblick

Unklar bleibt, wie sich die Integration von KI-Chatbots langfristig auf die Beratungsqualität, die Sicherheit der Kundendaten und die regulatorische Kontrolle auswirken wird. Die vollständige Automatisierung von Wertpapiertransaktionen ist bei Scalable Capital derzeit nicht vorgesehen. Es ist offen, ob und wann regulatorische Rahmenbedingungen eine weitergehende Automatisierung zulassen könnten. Auch die Frage, wie zuverlässig und nachvollziehbar die von KI-Modellen generierten Empfehlungen im praktischen Einsatz sind, bleibt Gegenstand laufender Diskussionen.

Die Entwicklung zeigt, dass der Einsatz von KI-Agenten im Finanzsektor zunehmend an Bedeutung gewinnt. Unternehmen und Regulierungsbehörden stehen vor der Aufgabe, technische Innovationen mit den Anforderungen an Datenschutz, Transparenz und Anlegerschutz in Einklang zu bringen.

Der Begriff "Agentic Investing" bezeichnet die Nutzung von KI-Agenten, die eigenständig Analysen durchführen und Handlungsvorschläge für Finanztransaktionen generieren. Im Unterschied zu klassischen Automatisierungslösungen bleibt die finale Entscheidung über die Ausführung einer Order jedoch beim Menschen. Die regulatorische Einordnung solcher Systeme ist in Europa noch im Fluss und hängt maßgeblich davon ab, wie weitreichend die Entscheidungsbefugnisse der KI ausgestaltet sind und welche Kontrollmechanismen für Nutzerinnen und Nutzer bestehen.

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