Das norwegische Unternehmen Volve sammelt 3 Millionen US-Dollar ein, um seine KI-gestützte Plattform für Bauausschreibungen weiterzuentwickeln und die Expansion in europäische Märkte voranzutreiben
Das norwegische Technologieunternehmen Volve hat eine Seed-Finanzierung in Höhe von 3 Millionen US-Dollar (umgerechnet rund 30 Millionen norwegische Kronen) abgeschlossen. Das Kapital soll in die Weiterentwicklung der eigenen KI-Plattform für Bauausschreibungen und die Expansion in weitere europäische Märkte fließen. Die Runde wurde von Skyfall Ventures angeführt, beteiligt waren zudem J12, Norrsken Evolve, OBOS Ventures, Antler, StartupLab sowie mehrere Angel-Investoren, darunter Daniel Kjørberg Siraj, der frühere CEO von OBOS.
Fokus auf Ausschreibungs- und Vorbereitungsphase
Volve wurde 2024 von Herman Smith, Abyl Ikshanov und Alf Jørgen Dovland in Oslo gegründet. Das Unternehmen entwickelt eine Plattform, die Bauunternehmen und öffentliche Auftraggeber bei der Analyse und Bewertung von Ausschreibungsunterlagen unterstützt. Ziel ist es, die Vielzahl an Dokumenten, Anforderungen und technischen Spezifikationen, die in der frühen Projektphase anfallen, strukturiert auszuwerten und Risiken sowie Chancen besser zu erkennen. Die Plattform soll insbesondere helfen, kommerzielle Entscheidungen wie die Teilnahme an Ausschreibungen, Preisgestaltung und Risikobewertung fundierter zu treffen.
Nach Angaben von Volve werden etwa 80 Prozent der Projektkosten bereits vor Vertragsunterzeichnung festgelegt. Die Plattform analysiert dazu die eingereichten Unterlagen, stellt Zusammenhänge zwischen Anforderungen, Leistungsumfang und potenziellen Risiken her und bietet eine strukturierte Übersicht für die Angebotserstellung. Auch die Ausrichtung auf Bewertungskriterien der Auftraggeber und die Prüfung von Subunternehmerangeboten werden unterstützt.
Digitalisierungspotenzial im europäischen Bausektor
Die Digitalisierung der Ausschreibungs- und Vorbereitungsphase gilt im europäischen Bauwesen weiterhin als unterentwickelt. Laut Daten der European Construction Industry Federation werden jährlich mehr als 1,6 Billionen Euro in Bauprojekte investiert, wobei Bauverträge einen erheblichen Anteil an öffentlichen Ausschreibungen ausmachen. Volve sieht hier einen Ansatzpunkt, um mit KI-gestützten Analysen die Effizienz und Transparenz in der Branche zu erhöhen.
Die Plattform wird nach Unternehmensangaben bereits von Hauptauftragnehmern und öffentlichen Auftraggebern in den nordischen Ländern eingesetzt. Der Markteintritt in Großbritannien und Kontinentaleuropa ist im Gange. Mit dem neuen Kapital plant Volve, die Produktfunktionen für Hauptauftragnehmer und öffentliche Kunden weiter auszubauen und die Präsenz in Europa zu verstärken.
Wissensmanagement und Wiederverwendung von Projektdaten
Parallel zur Finanzierungsrunde führt Volve eine neue graphbasierte Struktur ein, die es ermöglichen soll, Wissen und Erfahrungen aus abgeschlossenen Ausschreibungen projektübergreifend zu nutzen. Da viele kommerzielle Entscheidungen in Bauprojekten wiederkehrende Muster aufweisen, soll die Plattform künftig dazu beitragen, dass Teams nicht bei jeder Ausschreibung von Grund auf neu beginnen müssen. Die Speicherung und Verknüpfung von Erfahrungswerten soll die Qualität und Geschwindigkeit künftiger Angebote verbessern.
Vergleichbare Ansätze zur Digitalisierung von Entscheidungsprozessen in der Bau- und Agrarbranche wurden zuletzt auch in anderen europäischen Märkten verfolgt. So hat etwa das deutsche Unternehmen Computomics eine Finanzierung erhalten, um KI-gestützte Plattformen für die Pflanzenzüchtung weiterzuentwickeln. Ein Überblick zu diesem Thema findet sich unter aktuellen Entwicklungen bei KI-Plattformen in der Agrar- und Bauindustrie.
Offene Fragen und Marktperspektiven
Die tatsächliche Marktdurchdringung von KI-Lösungen im europäischen Bauwesen bleibt schwer zu quantifizieren. Während Volve auf eine wachsende Zahl von Pilotkunden verweist, liegen bislang keine unabhängigen Daten zur Wirksamkeit oder zum wirtschaftlichen Nutzen der Plattform vor. Auch die Integration in bestehende IT-Landschaften und die Akzeptanz bei öffentlichen Auftraggebern könnten Herausforderungen darstellen. Die weitere Entwicklung dürfte davon abhängen, inwieweit sich die Plattform als Standardwerkzeug für Ausschreibungsprozesse etablieren kann und wie regulatorische Anforderungen in den verschiedenen europäischen Märkten adressiert werden.
Venture Capital bezeichnet Eigenkapitalinvestitionen in junge, wachstumsorientierte Unternehmen, die sich meist in einer frühen Entwicklungsphase befinden. Im Technologiebereich ist Venture Capital ein zentraler Treiber für Innovation und Markteintritt neuer Anbieter. Die Bewertung von Start-ups basiert dabei häufig auf Zukunftserwartungen und Marktpotenzial, nicht auf aktuellen Umsätzen oder Gewinnen. Für Unternehmen wie Volve ist der Zugang zu Risikokapital entscheidend, um Produktentwicklung und Expansion zu finanzieren, bevor nachhaltige Umsätze erzielt werden.