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Digitale Souveränität: Warum der Ausstieg aus der Public Cloud nicht genügt

Nils Bedke Autor für Kapitalmärkte und Banking Glocalist Press

Verfasst von Nils Bedke

Digitale Souveränität: Warum der Ausstieg aus der Public Cloud nicht genügt Glocalist Press © glocalist.press
Digitale Souveränität: Warum der Ausstieg aus der Public Cloud nicht genügt © glocalist.press

Viele Unternehmen prüfen Alternativen zu Hyperscalern wie AWS oder Microsoft Azure. Doch der Wechsel zu Open-Source-Lösungen garantiert keine digitale Souveränität. Welche Risiken und Herausforderungen bleiben bestehen

Die Diskussion um digitale Souveränität in Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Während die Public Cloud lange als Standardlösung für Infrastruktur galt, rücken inzwischen Fragen nach Kostenkontrolle, Datenschutz und regulatorischer Konformität stärker in den Fokus. Unternehmen in Deutschland und Europa bewerten zunehmend kritisch, wie abhängig sie von großen Cloud-Anbietern wie Amazon Web Services, Microsoft Azure oder Google Cloud tatsächlich sind. Der Wunsch, die Kontrolle über Daten und IT-Infrastruktur zurückzugewinnen, ist nachvollziehbar - doch der Weg dorthin ist komplexer als oft angenommen.

Open Source als vermeintlicher Ausweg

Viele Unternehmen setzen bei der Suche nach mehr Unabhängigkeit auf Open-Source-Technologien. Die Hoffnung: Wer proprietäre Plattformen verlässt und stattdessen auf offene Software wie Linux, Kubernetes oder PostgreSQL setzt, könne automatisch digitale Souveränität erreichen. Tatsächlich sind Open-Source-Lösungen ein zentraler Innovationstreiber und bieten technische Flexibilität. Doch die Einführung zahlreicher Einzelkomponenten erhöht die Komplexität erheblich. Unternehmen müssen nicht nur die Integration, sondern auch das Lifecycle-Management, die Sicherheit und den Betrieb eigenverantwortlich steuern. Die Verantwortung für Verfügbarkeit, Stabilität und Compliance bleibt beim Anwender - unabhängig davon, ob die Software offen oder proprietär ist.

Ein häufig unterschätzter Aspekt ist die Frage nach der tatsächlichen Beherrschbarkeit dieser Komplexität. Gerade mittelständische Unternehmen verfügen oft nicht über ausreichend spezialisierte Fachkräfte, um alle relevanten Bereiche wie Virtualisierung, Netzwerke, Storage, Security und Automatisierung dauerhaft abzudecken. Die technische Freiheit durch Open Source kann so schnell zu einer operativen Überforderung führen.

Support und Verantwortung im Vergleich

Ein zentrales Argument für Open-Source-Plattformen ist die Verfügbarkeit von professionellem Support. Anbieter unterstützen einzelne Komponenten, doch die Gesamtverantwortung für das Funktionieren der gesamten Plattform bleibt beim Unternehmen. Im Fehlerfall kann es zu langwierigen Analysen kommen, wenn die Ursache im Zusammenspiel verschiedener Systeme liegt. Wer koordiniert die Fehlerbehebung, wenn mehrere Anbieter beteiligt sind? Diese Frage gewinnt an Bedeutung, wenn geschäftskritische Systeme betroffen sind und schnelle Reaktionszeiten erforderlich werden.

Gerade im Kontext zunehmender Cyberbedrohungen, etwa durch KI-gestützte Angriffe, wird die Fähigkeit zur schnellen Reaktion auf Sicherheitsvorfälle zum entscheidenden Faktor. Große Hyperscaler beschäftigen spezialisierte Teams für Security und Betrieb. Mittelständische Unternehmen können diese Ressourcen meist nicht vorhalten. Die Übernahme der Gesamtverantwortung für eine komplexe Infrastruktur ist daher mit erheblichen Risiken verbunden.

Integrierte Plattformen als Alternative

Vor diesem Hintergrund gewinnen integrierte Private-Cloud-Lösungen wie VMware Cloud Foundation unter Broadcom an Bedeutung. Solche Plattformen bieten abgestimmte Komponenten für Virtualisierung, Netzwerk, Storage und Security sowie definierte Supportprozesse. Unternehmen erhalten damit eine konsistente Betriebsumgebung und klare Verantwortlichkeiten, ohne die gesamte Komplexität einer Eigenentwicklung tragen zu müssen. Die Planbarkeit von Betrieb, Sicherheit und Compliance wird so erhöht, während die Kontrolle über Daten und Infrastruktur erhalten bleibt.

Für viele Organisationen ist nicht die maximale technische Freiheit entscheidend, sondern die Fähigkeit, Risiken kalkulierbar zu halten und Ressourcen effizient einzusetzen. Die Auswahl der passenden Infrastruktur sollte daher nicht allein auf Lizenzkosten oder technischen Features basieren, sondern auf einer realistischen Bewertung der eigenen Kompetenzen und der langfristigen Betriebskosten.

Handlungsempfehlungen und offene Fragen

Vor einer Umstellung der Cloud-Strategie empfiehlt es sich, zentrale Fragen zu klären: Wer trägt im Ernstfall die Gesamtverantwortung für den Betrieb? Sind ausreichend Fachkräfte für alle relevanten Bereiche vorhanden? Wie schnell kann auf Sicherheitsvorfälle reagiert werden? Ist der Betrieb von Infrastruktur tatsächlich Teil des eigenen Geschäftsmodells? Und welche wirtschaftlichen Folgen hätte ein Ausfall?

Digitale Souveränität entsteht nicht automatisch durch den Einsatz von Open Source, sondern durch kontrollierbare Strukturen, klare Verantwortlichkeiten und ein Betriebsmodell, das auch unter realen Bedingungen funktioniert. Für viele Unternehmen liegt die Herausforderung darin, einen Mittelweg zwischen vollständiger Abhängigkeit von Hyperscalern und der Überforderung durch Eigenbauplattformen zu finden. Gerade angesichts wachsender regulatorischer Anforderungen und zunehmender Cyberrisiken bleibt die Frage offen, wie sich digitale Souveränität in der Praxis dauerhaft und wirtschaftlich tragfähig umsetzen lässt.

Der Begriff der digitalen Souveränität bezeichnet die Fähigkeit von Unternehmen, Staaten oder Institutionen, die Kontrolle über ihre digitalen Infrastrukturen, Daten und Prozesse zu behalten. Dies umfasst nicht nur die technische Unabhängigkeit von einzelnen Anbietern, sondern auch die Fähigkeit, regulatorische Vorgaben einzuhalten, Sicherheitsrisiken zu steuern und den Betrieb langfristig zu sichern. In der Praxis erfordert digitale Souveränität eine Kombination aus technologischer Kompetenz, organisatorischer Klarheit und strategischer Ressourcenplanung.

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