Nach mehreren Zugriffsbeschränkungen durch US-Anbieter beschleunigen europäische Institutionen und Bundesländer wie Schleswig-Holstein den Umstieg auf Open-Source-Lösungen. Welche Folgen und Herausforderungen ergeben sich daraus für Verwaltung und Unternehmen
Die digitale Abhängigkeit europäischer Behörden und Unternehmen von US-amerikanischen Softwareanbietern ist in den vergangenen Jahren mehrfach sichtbar geworden. Besonders deutlich wurde dies im Juni 2026, als die US-Regierung das KI-Unternehmen Anthropic anwies, den Zugang zu den Modellen "Fable 5" und "Mythos 5" für Nicht-US-Bürger kurzfristig zu sperren. Die Frist zur Umsetzung betrug lediglich 90 Minuten. Zwar wurden die Exportkontrollen am 30. Juni wieder aufgehoben, doch die Kontrolle über den Zugang lag in beiden Fällen außerhalb Europas. Diese Ereignisse haben die Debatte um digitale Souveränität in Deutschland und der EU weiter verstärkt.
Konsequenzen für internationale Institutionen
Bereits 2025 war der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag von einer ähnlichen Maßnahme betroffen, als Microsoft auf Anweisung der US-Regierung die Konten des Chefanklägers sperrte. In der Folge entschied sich der Gerichtshof, rund 1.800 Arbeitsplätze von Microsoft 365 auf openDesk umzustellen. OpenDesk ist eine quelloffene Office- und Kollaborationssuite, die vom Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) initiiert wurde. Ziel war es, die technologische Autonomie zu stärken und Abhängigkeiten zu reduzieren. Die Umstellung wurde trotz kurzfristiger Herausforderungen als notwendiger Schritt bewertet, um die Handlungsfähigkeit der Institution zu sichern.
Die Erfahrungen des Internationalen Strafgerichtshofs zeigen, dass auch internationale Organisationen gezwungen sein können, ihre IT-Infrastruktur grundlegend zu überdenken, wenn externe Eingriffe drohen. Die Entscheidung für Open-Source-Lösungen ist dabei nicht nur eine technische, sondern auch eine strategische Frage der Souveränität.
Schleswig-Holstein als Vorreiter in Deutschland
In Deutschland gilt Schleswig-Holstein als eines der führenden Bundesländer beim Umstieg auf Open-Source-Software in der Verwaltung. Nach Angaben des Digitalisierungsministeriums sind inzwischen etwa 80 Prozent der Arbeitsplätze in der Landesverwaltung auf LibreOffice umgestellt. Für E-Mail und Kalender werden Open-Xchange und weitere europäische Lösungen wie Nextcloud eingesetzt. Der Wechsel auf Linux ist angelaufen, und mit dem Projekt OSKAR wird auch die Telefonie auf eine Open-Source-Basis gestellt. Die bestehenden Microsoft-Verträge laufen noch bis 2029, doch der schrittweise Ausstieg ist eingeleitet.
Ein zentrales Argument der Landesregierung ist, dass öffentliche Mittel künftig stärker in die heimische Digitalwirtschaft fließen, etwa durch Entwicklungs- und Supportverträge mit lokalen Anbietern. Schleswig-Holstein wird im OSOR-Länderbericht der EU-Kommission als Beispiel für digitale Unabhängigkeit genannt. Das Wissen aus Kiel wird inzwischen von weiteren Bundesländern wie Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg nachgefragt.
Technische Entwicklung und Verbreitung von openDesk
Die Open-Source-Suite openDesk hat sich seit ihrem Start Ende 2024 technisch weiterentwickelt. Im März 2026 erschien Version 1.1 mit Fokus auf Interoperabilität und Hochverfügbarkeit, aktuell ist Version 1.17 im Einsatz. Die Suite kombiniert etablierte europäische Open-Source-Komponenten wie Nextcloud für Dateiverwaltung, Collabora Online für Dokumentenbearbeitung, die OX App Suite von Open-Xchange für E-Mail und Kalender sowie OpenProject für Projektmanagement. Die Notes-Anwendung entstand in Zusammenarbeit mit der französischen Digitalbehörde DINUM.
Seit April 2026 wird das ZenDiS von Pamela Krosta-Hartl und Leonhard Kugler geleitet. Die Verbreitung von openDesk und der Entwicklungsplattform openCode in Behörden soll weiter beschleunigt werden. Neu ist, dass openDesk künftig auch Unternehmen offensteht: Ab Herbst 2026 sollen private IT-Dienstleister als Distributoren eingebunden werden, sodass auch kleinere Organisationen Zugang zu Support und Migrationsdienstleistungen erhalten.
Strategische Überlegungen und offene Fragen
Die Umstellung auf Open-Source-Lösungen wird von Verantwortlichen als notwendige Voraussetzung für digitale Souveränität betrachtet. Frank Hoberg, Mitgründer von Open-Xchange, betont, dass es wichtiger sei, zeitnah einen hohen Grad an Unabhängigkeit zu erreichen, als auf eine perfekte Lösung zu warten. Wer einen Großteil seiner IT aus der Abhängigkeit von einzelnen Anbietern herauslöst, bleibt im Ernstfall handlungsfähig.
Auch auf kommunaler Ebene gibt es Fortschritte: Die Stadt Neuburg an der Donau hat zwischen März und Juni 2026 ihren E-Mail-Verkehr von Microsoft Outlook auf openDesk umgestellt. Ziel war eine höhere Sicherheit und Souveränität, insbesondere bei kritischer Infrastruktur. Die Plattform soll künftig um Chat- und Videofunktionen erweitert werden.
Der Rahmenvertrag des Bundes mit Microsoft läuft noch bis Mitte 2027. Der bundesweite Rollout von openDesk wird derzeit vorbereitet. Entscheidend bleibt, dass die Umstellung koordiniert erfolgt, um Insellösungen zu vermeiden. Die Erfahrungen aus Schleswig-Holstein und anderen Regionen zeigen, dass ein schrittweiser Ansatz praktikabel ist. Auch andere Unternehmen passen ihre Strategien an veränderte Marktbedingungen an, wie etwa das Beispiel eines Berliner Unternehmens im Immobiliensektor verdeutlicht.
Die Entwicklung unterstreicht, dass digitale Souveränität für öffentliche Institutionen und Unternehmen in Europa zunehmend zu einer strategischen Kernfrage wird. Die tatsächlichen Auswirkungen auf Kosten, Sicherheit und Innovationsfähigkeit werden sich jedoch erst im weiteren Verlauf zeigen.
Digitale Souveränität bezeichnet die Fähigkeit von Staaten, Institutionen oder Unternehmen, ihre digitalen Infrastrukturen, Daten und Anwendungen unabhängig von externen Anbietern oder politischen Einflüssen zu betreiben und zu kontrollieren. Sie umfasst technische, rechtliche und organisatorische Aspekte und gewinnt angesichts geopolitischer Spannungen und wachsender Abhängigkeiten von globalen Plattformen an Bedeutung. Open-Source-Software gilt als ein zentrales Instrument, um Abhängigkeiten zu reduzieren und die Kontrolle über kritische IT-Systeme zu stärken. Die Umsetzung erfordert jedoch erhebliche Investitionen in Migration, Support und Weiterentwicklung.