Seipp & Kehl steckt 750.000 Euro in eine Flugwindkraftanlage von Enerkite. Der Dauerbetrieb ist noch nicht genehmigt. Technik und Regulierung stellen Hürden.
Auf einem Firmengelände in Hessen läuft ein ungewöhnlicher Test. Seipp & Kehl will mit Flugwindkraft unabhängiger vom Strommarkt werden. Dafür fließt eine Investition von 750.000 Euro in ein System von Enerkite. Doch der Dauerbetrieb in großen Höhen ist noch nicht erlaubt.
Technik und Pilotbetrieb im Überblick
Im Mittelpunkt steht ein Energiedrache. Er hängt an einem Seil und soll in bis zu 450 Metern Höhe Wind nutzen. Anders als bei klassischen Windrädern gibt es keinen Turm, keinen Rotor. Ein Teleskoparm setzt den Drachen in Bewegung. Danach übernimmt der Wind. Die Kraft überträgt sich über das Seil auf eine Trommel am Boden. Dort erzeugt ein Generator Strom. Im Testbetrieb ist der Drache zehn Meter breit und darf maximal 100 Meter hoch steigen. Für den geplanten Regelbetrieb sind größere Drachen und mehr Höhe vorgesehen. Dafür fehlt aber noch die Genehmigung.
Seipp & Kehl fertigt seit über 70 Jahren Metallteile in Nieder-Gemünden. Rund 70 Menschen arbeiten dort. Strom ist für den Betrieb zentral. Die Photovoltaik auf den Dächern deckt laut Geschäftsführung nur etwa ein Drittel des jährlichen Bedarfs von 650.000 Kilowattstunden. Flugwindkraft soll die Lücke schließen. Das Ziel: weniger abhängig von schwankenden Strompreisen. Nach Angaben des Landkreises Vogelsberg will Seipp & Kehl ab 2027 den erzeugten Strom direkt in der Produktion nutzen. Überschüsse könnten ins Netz gehen. Die Anlage läuft aktuell im Test unter 100 Metern Höhe. Das Genehmigungsverfahren für höhere Flüge läuft noch.
Genehmigung und regulatorische Unsicherheiten
Laut Regierungspräsidium braucht der Probebetrieb keine Genehmigung, solange der Drache unter 100 Metern bleibt. Für den wirtschaftlichen Dauerbetrieb bis 450 Meter ist aber eine eigene Erlaubnis nötig. Es geht vor allem um Flugsicherheit und die Frage, ob Regeln für klassische Windräder übertragbar sind. Behörden und Unternehmen arbeiten am Verfahren. Noch ist offen, wann und unter welchen Bedingungen eine dauerhafte Erlaubnis kommt. Luftverkehrs- und Sicherheitsvorschriften, wie sie Bundesnetzagentur und Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) im Rahmen der Energiewende fordern, sind dabei zentral. Unsicher ist auch, wie die Anlage ins Stromnetz integriert wird und welche DIN- und EN-Normen gelten.
EnerKite beschreibt den Arbeitszyklus so: Der Flugdrache fliegt eine Acht, erzeugt Zugkraft, und beim Abwickeln der Seile treiben Trommeln die Generatoren der Bodenstation an.
Das System braucht kein großes Fundament wie klassische Windräder. Es steht auf einem Grundstück außerhalb der Bebauung. Wie groß der Drache am Ende wird, hängt vom Test ab. Im Regelbetrieb soll die Anlage vollautomatisch und rund um die Uhr laufen. Das geht aber nur, wenn die Regeln passen. Die Technik spart Fläche und Material. Das passt zu den Zielen der deutschen Energie- und Klimapolitik.
Technische Potenziale und offene Fragen
EnerKite gibt an, dass die Technik in 200 bis 300 Metern Höhe auf stärkere und gleichmäßigere Winde trifft als normale Anlagen. Der mögliche Stromertrag liegt laut Anbieter bei bis zu 6.000 Stunden Äquivalent-Volllast pro Jahr. Der Materialbedarf ist etwa 90 % geringer als bei klassischen Windrädern. Diese Zahlen gelten für die Technik insgesamt. Für die Anlage von Seipp & Kehl gibt es noch keine unabhängige Bestätigung. Für das Unternehmen zählt vor allem eine sichere Grundlast. Ob das klappt, hängt von den Messergebnissen, der endgültigen Auslegung und der Genehmigung ab. Höhere und stabilere Windzonen zu nutzen, entspricht den Empfehlungen der Bundesnetzagentur für mehr Versorgungssicherheit und Netzstabilität. Das steht auch in aktuellen Erneuerbare-Energien-Berichten.
Das Projekt wurde bei einem Ortstermin mit Vertretern von Regierungspräsidium, Landkreis und Gemeinde vorgestellt. Die Anlage bleibt vorerst ein Pilot. Ein dauerhafter Beitrag zur Energieversorgung hängt an der Genehmigung und am Praxistest. Im Rahmen der Energiewende und der Suche nach neuen Lösungen zeigt das Projekt, wie neue Ansätze erprobt werden. Ob sie wirtschaftlich tragfähig sind, ist offen. Auch andere Firmen setzen auf Innovation. Das zeigt ein früherer Bericht zu Solar- und Batteriespeicherprojekten.
Wirtschaftliche und regulatorische Einordnung
750.000 Euro für eine Flugwindkraftanlage sind für einen Mittelständler wie Seipp & Kehl ein großer Schritt. Die Entscheidung für eine neue Technik zeigt den Druck, Alternativen für die Energieversorgung zu finden. Das Projekt macht aber auch die Grenzen der Regeln deutlich. Für neue Technik fehlen oft passende Vorgaben. Wirtschaftlicher Erfolg hängt an Technik und Genehmigung. Ohne Erlaubnis für Flughöhen bis 450 Meter bleibt das Potenzial begrenzt. Die Entwicklung zeigt, wie wichtig flexible Regeln für Innovationen sind. Sicherheit und Umwelt dürfen dabei nicht zu kurz kommen. Für den Industriestandort Deutschland bleibt offen, ob solche Pilotprojekte bald einen echten Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten.
Flugwindkraft nutzt Drachen oder Flügel an Seilen, um in großen Höhen Windenergie zu gewinnen. Anders als bei klassischen Windrädern entsteht die Energie durch die Bewegung des Drachens in der Luft, nicht durch einen Rotor auf einem Turm. Die Kraft wird über das Seil auf eine Bodenstation übertragen und dort in Strom umgewandelt. Ziel ist es, stärkere und gleichmäßigere Winde in höheren Luftschichten zu nutzen und dabei Material und Fläche zu sparen. In Deutschland ist die Technik noch im Pilotstadium und kaum verbreitet.