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EU Industrial Accelerator Act: Neue Anforderungen für Hardwareentwicklung in Europa

Helga Nowotny Autorin für Wissenschaftspolitik und KI Glocalist Press

Verfasst von Helga Nowotny

EU Industrial Accelerator Act: Neue Anforderungen für Hardwareentwicklung in Europa Glocalist Press © glocalist.press
EU Industrial Accelerator Act: Neue Anforderungen für Hardwareentwicklung in Europa © glocalist.press

Mit dem EU Industrial Accelerator Act will die Kommission die Fertigung von Technologien und Industrieprodukten in Europa stärken. Welche Folgen das für Software, Hardware und Lieferketten hat, bleibt umstritten

Die Europäische Kommission hat im März 2026 den Entwurf des EU Industrial Accelerator Act (IAA) vorgestellt. Ziel der geplanten Verordnung ist es, die Produktion von Schlüsseltechnologien und Industrieprodukten innerhalb der Europäischen Union zu erhöhen und die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern zu verringern. Im Fokus stehen dabei nicht nur klassische Fertigungsprozesse, sondern auch die vorgelagerten digitalen Werkzeuge, die für Entwicklung und Zusammenarbeit in der Hardwareindustrie genutzt werden.

Digitale Werkzeuge als Teil der Wertschöpfung

Traditionell investiert Europa erhebliche Mittel in Forschung und Entwicklung sowie in frühe Deep-Tech-Projekte. Die Kommerzialisierung und der Aufbau tragfähiger Märkte für neue Technologien bleiben jedoch eine Herausforderung. Der IAA-Entwurf sieht vor, dass öffentliche Beschaffung künftig verstärkt auf Produkte mit nachweislich europäischer Wertschöpfung setzt. Dabei rückt die Frage in den Vordergrund, wie weit "Made in EU"-Anforderungen tatsächlich reichen sollen - etwa bis zu den Softwareplattformen, auf denen Entwicklungsdaten gespeichert und ausgetauscht werden.

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist das Unternehmen CAD ROOMS, das eine cloudbasierte Plattform für das Management und die Zusammenarbeit an CAD-Daten anbietet. Die Plattform läuft auf EU-gehosteter Infrastruktur und richtet sich an verteilte Hardware-Engineering-Teams. Nach Angaben des Unternehmens ist die Nachfrage nach Lösungen, die sowohl technische Interoperabilität als auch Datenresidenz im europäischen Rechtsraum bieten, zuletzt gestiegen.

Viele Ingenieurteams in Europa nutzen bislang US-basierte Plattformen für die gesamte Produktentwicklung. Damit liegen Konstruktionsdaten, Versionen und geistiges Eigentum häufig außerhalb der EU-Rechtsprechung. Der IAA-Entwurf adressiert diese Problematik, indem er die gesamte Wertschöpfungskette - von der Entwicklung bis zur Fertigung - in den Blick nimmt.

Herausforderungen bei Interoperabilität und Zusammenarbeit

Die technische Realität in der Industrie ist komplex: Unternehmen arbeiten oft mit mehreren CAD-Systemen parallel, etwa PTC Creo, SOLIDWORKS oder CATIA. Proprietäre Produktdatenmanagement-Systeme sind teuer und aufwändig zu implementieren. Plattformen wie CAD ROOMS setzen daher auf Interoperabilität und verschlüsselte Zusammenarbeit, um den Austausch zwischen verschiedenen Tools zu erleichtern und die Einstiegshürden für neue Akteure zu senken.

Ein weiteres Problem betrifft die Integration von mechanischer und elektronischer Entwicklung. Während elektronische Entwicklungsumgebungen wie Altium bereits cloudbasiert sind, hinken viele mechanische Tools hinterher. Das erschwert die Zusammenarbeit in multidisziplinären Teams und erhöht das Risiko von Fehlern in der Produktion. Gerade für junge Unternehmen und Start-ups kann dies zu erheblichen Verzögerungen führen.

Die Nachfrage nach modernen, interoperablen Lösungen wächst auch im Kontext der öffentlichen Beschaffung. Unternehmen testen zunehmend, ob sich neue Plattformen in bestehende, oft jahrzehntealte IT-Landschaften integrieren lassen. Die Umstellung ist jedoch mit organisatorischen und technischen Hürden verbunden.

Finanzierung und Lieferketten im europäischen Hardwaremarkt

Europäische Start-ups im Hardwarebereich sehen sich nicht nur mit regulatorischen Anforderungen, sondern auch mit Finanzierungslücken konfrontiert. Während zahlreiche Projekte im Bereich Hardware und Fertigung entstehen, bleibt der Zugang zu Kapital für Prototypen und erste Produktionsserien begrenzt. Nach Einschätzung von Branchenvertretern fehlen oft kleinere Beträge im Bereich von 20.000 bis 50.000 Euro, um funktionsfähige Prototypen zu realisieren und Investoren zu überzeugen.

Ein zentrales Hindernis für Hardware-Souveränität in Europa ist die Elektronikfertigung. Viele Komponenten sind in Europa entweder nicht verfügbar oder deutlich teurer als in Asien. Gerade in der Frühphase von Hardwareprojekten führt dies dazu, dass Start-ups auf außereuropäische Lieferanten angewiesen sind. Erst bei größeren Stückzahlen werden europäische Alternativen wirtschaftlich attraktiver. Diese Problematik betrifft nicht nur Start-ups, sondern auch etablierte Unternehmen, wie eine Analyse zu steigenden Hardwarepreisen in Deutschland zeigt.

Die Digitalisierung der Fertigung wird zudem häufig unterschätzt. Der reine Upload von Konstruktionsdaten reicht nicht aus, um komplexe Fertigungsprozesse zu steuern. Vielmehr sind detaillierte Abstimmungen zu Toleranzen, Materialien und Produktionsverfahren erforderlich. Softwarelösungen können helfen, die Kommunikation zwischen Entwicklung und Fertigung effizienter zu gestalten, etwa durch verschlüsselte Freigaben von 3D-Modellen an Produktionspartner.

Perspektiven für den europäischen Hardwaresektor

Die Diskussion um den IAA-Entwurf verdeutlicht, dass industrielle Souveränität nicht an der Werkstor endet. Die Auswahl und Kontrolle der eingesetzten Softwareplattformen, die Integration von Entwicklung und Fertigung sowie der Zugang zu wettbewerbsfähigen Lieferketten sind entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen. Gleichzeitig bleibt offen, wie schnell sich die regulatorischen Vorgaben in der Praxis umsetzen lassen und ob die Finanzierungslücke für Hardware-Start-ups geschlossen werden kann.

Die Erfahrungen aus der COVID-19-Pandemie und aus offenen Hardwareprojekten zeigen, dass kurzfristige Innovationsschübe ohne nachhaltige Infrastruktur und unternehmerische Strukturen oft nicht von Dauer sind. Für eine dauerhafte Stärkung des Hardwaresektors in Europa sind daher gezielte Förderprogramme, bessere Sichtbarkeit europäischer Fertigungspartner und eine stärkere Vernetzung zwischen Start-ups, Mittelstand und Forschungseinrichtungen erforderlich.

Ein zentraler Begriff im Zusammenhang mit dem EU Industrial Accelerator Act ist die digitale Souveränität. Sie beschreibt die Fähigkeit von Unternehmen, Staaten oder Regionen, kritische digitale Infrastrukturen und Daten unter eigener Kontrolle zu betreiben. Im Hardwarebereich umfasst dies nicht nur die physische Fertigung, sondern auch die Kontrolle über Entwicklungswerkzeuge, Datenmanagement und Lieferketten. Digitale Souveränität gilt als Voraussetzung für wirtschaftliche Unabhängigkeit und Innovationsfähigkeit im internationalen Wettbewerb.

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