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Offshore-Windbranche warnt vor massivem Jobabbau

Helga Nowotny Autorin für Wissenschaftspolitik und KI Glocalist Press

Verfasst von Helga Nowotny

Offshore-Windbranche warnt vor massivem Jobabbau Glocalist Press © glocalist.press
Offshore-Windbranche warnt vor massivem Jobabbau © glocalist.press

Eine Analyse im Auftrag des BWO beziffert das Risiko auf bis zu 23.000 Stellen und 24 Milliarden Euro Umsatz. Stockende Ausschreibungen und steigende Kosten setzen Zulieferern zu.

Für die Nordseegebiete N-10.1 und N-10.2 ging im August 2025 kein einziges Gebot ein. Seit Juni 2025 ist in Deutschland keine Offshore-Wind-Ausschreibung mehr erfolgreich abgeschlossen worden. Eine im Oktober 2026 vorgestellte Analyse von wind:research im Auftrag des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO) beziffert die möglichen Folgen auf bis zu 23.000 gefährdete Arbeitsplätze innerhalb von vier Jahren und bis zu 24 Milliarden Euro entgangenen Branchenumsatz. Zugleich erwirtschaftet die Branche demnach jährlich rund 14,6 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und sichert etwa 49.000 Arbeitsplätze.

Aufträge bleiben aus

Seit zwei Jahren sei in Deutschland kein neues Offshore-Windparkprojekt auf den Weg gebracht worden, berichtet der BWO dem Handelsblatt. Verschobene Ausschreibungen und verzögerte Netzanschlüsse hätten die Auftragsbücher der Zulieferer geleert. Projekte mit mindestens 16 Gigawatt Leistung gelten als gefährdet. BP und TotalEnergies prüfen demnach, Konzessionen für bereits ersteigerte Flächen in der Nordsee zurückzugeben. Eine Prüfung bedeutet noch keine Rückgabe.

Ein Teil der für 2026 vorgesehenen Ausschreibungen wurde auf 2027 verschoben. Andere blieben ohne Gebote. Bei der Auktion der Nordseegebiete N-10.1 und N-10.2 mit zusammen rund 2,5 Gigawatt Leistung erhielt die Bundesnetzagentur im August 2025 keine einzige Bewerbung. Damit fand erstmals eine deutsche Offshore-Flächenauktion keinen Bieter. Anschließend passte das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie die Planung für das Gebiet N-10 an. Es soll erweitert und in drei Flächen aufgeteilt werden. Auch die Berichterstattung des ZDF hält fest, dass seit Mitte 2025 keine neuen Windparkflächen vergeben wurden.

Die Branche erklärt die Zurückhaltung mit stark gestiegenen Material- und Baukosten. Dazu kommen hohe Zinsen, unsichere politische Rahmenbedingungen und Verzögerungen beim Netzanschluss. Nach Branchenschätzungen kann die Finanzierung inzwischen bis zur Hälfte der Kosten für Bau und Betrieb eines Offshore-Windparks ausmachen. Zwischen 2023 und 2025 zahlten Entwickler insgesamt 16,6 Milliarden Euro für Rechte an Flächen in Nord- und Ostsee. Die hohen Zahlungen garantierten jedoch nicht, dass die Parks anschließend zeitnah gebaut werden.

Zulieferer spüren den Druck

Der Rostocker Monopile-Hersteller EEW Special Pipe Constructions plante laut dem vorliegenden Material, bis Jahresende 100 seiner rund 1.000 Stellen in der Kernbelegschaft abzubauen. In einem internen Schreiben rechnete das Unternehmen bis einschließlich 2028 mit geringer Auslastung. Neben fehlenden deutschen Aufträgen verwies EEW auf Konkurrenz aus China. Vorgeformte Stahlfundamente gelangen zollfrei in die EU und erhöhen den Preisdruck auf europäische Produzenten.

Auch die Verhandlungsmacht der Turbinenhersteller hat sich laut Branchenangaben verschoben. GE Vernova nimmt keine neuen Aufträge mehr an. Auf dem europäischen Markt blieben damit faktisch Siemens Gamesa und Vestas. Hersteller und Häfen müssen Jahre im Voraus verlässlich planen, bevor sie in Fabriken investieren. Auch Installationsfirmen brauchen lange Vorlaufzeiten, bevor sie Geld in Schiffe oder Personal stecken.

Die Einschätzungen zur Beschäftigung unterscheiden sich deutlich. Die wind:research-Analyse nennt bis zu 23.000 gefährdete Arbeitsplätze. BWO-Vorsitzender Benedikt Scheel warnte in der FAZ sogar vor möglichen Verlusten von 34.000 der insgesamt 49.000 Arbeitsverhältnisse. Dirk Briese, Geschäftsführer von wind:research, erwartet bei länger ausbleibenden Bauvorhaben einen erneuten Bruch in den Lieferketten der Offshore-Industrie. BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm sieht durch den internationalen Wettbewerbs- und Importdruck die industrielle Basis Deutschlands gefährdet.

Ausbauziele und Wertschöpfung

Deutschland strebt langfristig 70 Gigawatt Offshore-Windleistung bis 2045 an. Eine frühere wind:research-Studie bezifferte die Bruttowertschöpfung für 2025 auf 14,6 Milliarden Euro und die Beschäftigung auf 49.000 Arbeitsverhältnisse. Besonders stark beteiligt seien Industriestandorte im Binnenland, darunter Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Bei Erreichen der Ausbauziele könnte die Branche laut dieser Studie auf 120.000 Beschäftigte und mehr als 50 Milliarden Euro Wertschöpfung wachsen.

Ein stockender Ausbau gefährdet diese Perspektive und kann Wertschöpfung ins Ausland verlagern. Als Vergleich verweist die Debatte auf die Solarindustrie, deren Wertschöpfung weitgehend ins Ausland abgewandert ist. Auch andere Energieprojekte prägen den Umbau: In der Lausitz plant Leag Wind- und Solarparks. Außerdem ist dort ein Batteriespeicher vorgesehen, wie ein Projektbericht beschreibt. Das ersetzt keine Aufträge für Offshore-Zulieferer. Es zeigt aber, dass Investitionen in erneuerbare Energie unterschiedliche Regionen und Technologien betreffen.

Förderung und politische Weichen

Für 2025 nennt das Material 2,1 Milliarden Euro Steuergeld zur Förderung von Offshore-Windkraftanlagen. 2024 waren es 1,9 Milliarden Euro. Teilt man den Betrag für 2024 rechnerisch durch die 49.000 Beschäftigungsverhältnisse aus der früheren Studie, ergeben sich rund 42.800 Euro je Arbeitsverhältnis. Diese Rechnung ist keine individuelle Zahlung an Beschäftigte und belegt auch nicht, dass das Geld direkt an sie floss. Sie setzt einen Förderbetrag ins Verhältnis zu einer Beschäftigtenzahl.

Am 8. Oktober 2026 begann der Bundestag mit der Beratung einer Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes (WindSeeG). Im Mittelpunkt der Reformdebatte stehen ein Ausschreibungsmodell, das stärker auf Differenzverträgen (CfD) beruht, sowie die Indexierung finanzieller Verpflichtungen. Diskutiert wird außerdem die Möglichkeit, wirtschaftlich nicht mehr tragfähige Projekte einmalig an den Staat zurückzugeben. Die Flächen könnten anschließend erneut ausgeschrieben werden, statt über Jahre blockiert zu bleiben. BWO und weitere Branchenverbände verbinden damit die Sicherung der Lieferketten und der Hafeninfrastruktur. Sie wollen damit auch die industrielle Beschäftigung sichern. Die Forderungen reagieren auf ein Investitionsumfeld, das von teureren Materialien und Krediten geprägt ist. Hinzu kommen schwer kalkulierbare Projekt- und Netzanschlusszeitpläne.

Der BWO fordert klare politische Weichenstellungen in der Novelle des WindSeeG. Für Zulieferer ist eine verlässliche Folge von Ausschreibungen und Projekten entscheidend, damit sie Investitionen planen können. Seit Juni 2025 wurde in Deutschland keine Offshore-Wind-Ausschreibung mehr erfolgreich abgeschlossen.

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